So schnell kann´s gehen…

…und schon steht man mitten im Subkontinet und der Schweiß läuft einem aus allen Poren!

Ich bin angekommen – körperlich, soviel vorneweg. Geistig wird es wohl noch eine Weile dauern, bis ich meine Koffer „auspacke“ und bis ich das begreife, was hier tagtäglich vor meinen Augen abgeht. Eines sei gesagt – es ist der pure Wahnsinn, aber was erwartet man von einer Stadt, die so groß ist wie Hamburg, aber 12 Millionen Einwohner hat.

Nach einem recht behaglichen Flug mit zwei Zwischenmahlzeiten (eine über dem Krisengebiet im Kaukasus, die andere über Kabul – wohl bekommts!) bin ich Sonntagmorgen 6.50Uhr in Neu-Delhi angekommen. Den ersten Dämpfer gab sprichwörtlich gleich beim Verlassen des Flughafens – die Hitze! Feuchtwarm, um die 40Grad, gepaart mit zeitweisem Monsunregen. Baff! Der zweite Schock ließ nicht lange auf sich warten, als es mit dem Auto zu einer ersten Besprechung mit meiner Mentorin ging – der Verkehr! Stressig, chaotisch und laut, dass man sein eigenes Wort nicht versteht. Baff! Trotz allem verlief der Start mehr als optimal – die Abholung funktionierte einwandfrei, meine Wohnung ist auch in Ordnung und meine Mitbewohner sind alle schwer in Ordnung.

Trotzdem fällt es mir schwer in Wort zu fassen, was ich die letzten Tage gesehen und erlebt habe. Und da ich selber nur schwer begreifen kann, was ich hier Tag für Tag erlebe, werde ich das auf einen späteren Zeitpunkt verschieben und dann ausführlich darüber berichten. Eines steht fest – Delhi ist Stress, Schock, Faszination und Schönheit in einem. Ja, es gibt Kühe auf den Strassen, ja – es gibt eine große Armut in den Strassen und ja – es ist sauheiß! Alles kommt zusammen – positiv als auch negativ. Die Nation beschreibt sich selber als „unglaublich“ und da übertreibt man keineswegs, bei 1.1Mrd Einwohnern ist das aber keineswegs unerwartet. Und doch ist man jeden Tag aufs neue entsetzt und begeistert zugleich.

Worüber ich ausführlicher in diesem Post berichten will, ist meine Arbeitsstelle an der Botschaftsschule. Auch hier verlief der Start sehr gut. Um ehrlich zu sein, die Schule ist der Hammer und überhaupt nicht zu vergleichen mit einer deutschen Schule, wo die Kultusministerien anscheinend nie begreifen werden, dass Bildung nun mal Geld kostet und man nicht von heute auf morgen den großen Gewinn macht, der alles verändert. „Kinderlärm ist Zukunftsmusik“, so das Motto der Schule, dass sich auf einem großen Schild im Innenhof, gleich neben dem Sportfeld befindet. Und genau dieses Motto lebt die Schule. Sie ist neben ihrer Aufgabe als Bildungsanstalt gleichzeitig sozialer Mittelpunkt im Leben der kleinen und großen Aussiedler UND gleichzeitig auch der Lehrer. Neben einer bombastischen medialen Ausstattung (jeder Raum verfügt über WLan-Rechner, Beamer in nahezu jedem Raum, Lehrerbibliothek, Schülerbibliothek, den neuesten Lehrbüchern, Kartenmaterial ´en masse, Klimaanlage etc.), bietet die Schule jede Menge Freizeitangebote an – Teilnehmer sind Schüler, Eltern und Lehrer. Die Schule besitzt eine eigene Busflotte, die die Schüler morgens zur Schule fährt und nachmittags nach Hause. Der Tag beginnt meistens mit einer Doppelstunde Schwimmen pro Woche, danach kommen alle weiteren Fächer – auch meine: Kunst und Geschichte. Und hier kann ich nur glücklich sein über die Kolleginnen und Kollegen. Da das Kollegium insgesamt sehr jung ist, sind alle per du miteinander. Mein Mentor Tobias (ich möchte ihn minestens genauso geschichtsbegeistert wie mich beschreiben) war von Anfang an einverstanden, dass ich bei ihm hospitiere. Naja, und da die Klassen allesamt recht klein sind (zwischen 1-16 Schülern pro Klasse in der Sek 1) ist gleich mal aus der ersten Hospitationsstunde eine Stunde entstanden, bei der ich gleich meine pädagogischen Fähigkeiten im Fach Geschichte unter Beweis stellen konnte – spitzenmäßig. Das Gleiche erwartete mich in der Kunst. Meine Mentorin hier, Ulrike ist die stellvertretende Schulleiterin und leider diese Woche nicht anwesend, da sie zu einer Schulkonferenz in Jakarta/Indonesien ist. Auch nicht schlecht, mal eben nach Südostasien jetten und mit den anderen Schulleitern debattieren und diskutieren. Könnte mir gefallen! 😉

Spaß beiseite. Die anderen beiden Kunstlehrerinnen haben mich auch gleich sehr freundlich in ihren Unterricht aufgenommen. Heute war ich zum ersten Mal in einer ersten Klasse mit am Start, wo es hieß „Malen mit Wachsmalstiften und Wasserfarben“. Naja, die Sauerei mit den Zwergen kann man sich jetzt selber ausmalen, jedenfalls war es ein Riesenspaß, die Ergebnisse waren recht gut und mein Anteil in der Stunde war auch recht ansehnlich. Am Nachmittag betreute ich dann die Kunst-AG, bei der es mit ca. 5 Schülern ans Collagieren von Naturbildern ging. Morgen werde ich dann zum ersten Mal eigenständig zwei Stunden halten – Klasse 6 und 7 – Thema: Heimat und zu Hause. Ein Thema, das bei den Kleinen recht schierig ist, da die meisten alle zwei Jahre zwischen den Großstädten dieser Welt umherziehen und eigentlich nur schwer von einer Heimat sprechen können. Third Culture Kids eben! Es war schon ein bischen niedlich, als mir ein Schüler heute erzählte, dass er seinen Malkittel vergessen habe, da dieser noch im Container in Marseille/Frankreich ist. Das ist natürlich keine Ausrede und er bekam direkt einen Eintrag ins Heft! 😉 Aber schon interessant, dass es Kids gibt, die mit 8 Lenzen bereits in Südamerika, Asien und Europa gelebt haben. Dementsprechend wichtig ist natürlich da die soziale Arbeit der Schule und so pflegt man an der deutschen Schule New Delhi (DSND) auch recht lockere Umgangsformen. Lehrer sind nicht nur Fachlehrer, sondern auch Freund und Helfer zugleich. Wer jetzt denkt, dass das aus dem Ruder laufen könnte und die Kinder schnell den Respekt verlieren und ihre Grenzen austesten, der täuscht sich. Trotz der lockeren Umgangsformen scheinen mir die Kinder allesamt recht höflich und nett zu sein. Auch der Zusammenhalt untereinander ist bemerkenswert – ich kann mich zumindestens nicht erinnern, dass ein Elftklässler einem Fünftklässler hilft bzw. mit diesem in der Pause rumhängt. Insgesamt also eine sehr angenehme Atmosphäre auch unter und mit den Schülern, so dass es einem Spaß macht hier zu sein. Man geht gerne zur Schule, was allerdings mehrere Gründe hat. Zum einen natürlich das Umfeld, aber auch der recht westliche Standard den man hier hat und der in Delhi scheinbar nur schwer zu finden ist, und zum zweiten auch wegen der vielen Angebote, die die Schule den Schülern, Eltern und Lehrern bietet. Am Dienstag bspw. gibt es regelmäßig Volleyball, an dem ich mit Sicherheit des öfteren teilnehmen werde. Samstags wird auf echtem Stadiongrün Fußball gespielt und hin und wieder schauen Schriftsteller, Politiker und andere Zeitgenossen, die kurzzeitig in Delhi am Goetheinstitut und in der Botschaft verweilen, in der Schule vorbei. Kulturell also sehr angenehm. Das geht das ganze Jahr so, letzten Mittwoch gab es eine Lesung mit einer Schweizer Jugendbuchautorin. Zugegeben, nicht mehr so mein Geschmack, aber solche Angebote habe ich in meiner Schulzeit nur selten erlebt. Drei Schüler bspw. trainierten im Juni mit dem FC Bayern München in Kolkata, auch ein Unding in Deutschland, oder?

Alles in allem bin ich mit der Schule nach fast einer Woche mehr als zufrieden. Man muss sich schon integrieren, aber im Gegenzug findet man ganz schnell Anschluss an den Schulalltag und das wichtigste überhaupt: Es macht mir Spaß und ich gehe gerne hin.

Ok, soviel erstmal zu meiner Praktikumsstelle. Klingt ja schon fast wie mein Bericht, nach einer Woche sicherlich etwas zu früh… 😉 Bin mal gespannt was noch alles auf mich zukommt.

Am Wochenende werd ich dann erstmal ausschlafen. Es ist schon ne Umgewöhnung von Uni auf Schule, wenn ma statt 11Uhr auf einmal 6Uhr aufstehen muss, die Nächte aber ebenso kurz sind wie zur Vorlesungszeit und man nicht nur im Hörsaal sitzt und zuhört, sondern selbst was macht. Was mich selber wundert: Ich habe bisher nicht ein einziges Foto gemacht, so dass der Post etwas textlastig geworden ist. Egal, dafür gibt es ein kurzes Video, denn nachdem ich die letzten Tage ständig mein Notebook durch die Wohnung getragen habe und via Skype alles zeigen musste, setze ich dem hiermit ein Ende. Schaut´s euch an und wer noch wissen will, wo meine Dreckwäsche liegt – hinter der verschlossenen weißen Tür im dritten Fach von oben! 😉

Fotos kommen dann nach dem Wochenende, frühestens Sonntag, da ich am Wochenende mit meiner Kamera mal losziehen möchte zum Fotografieren. Möchte diesmal nicht so viele Schnappschüsse machen, sondern mehr auf Qualität statt Quantität setzen, immerhin soll sich die Cam auch bezahlt machen, teuer genug war sie… Vielleicht schaue ich mir das ein oder andere Palästchen an, oder ich fahre mal nach Old Delhi zu den Gewürzmärkten, oder zum tibetischen Markt, oder zum Red Fort, oder oder oder… Die Möglichkeiten sind unzählig und ich werde nur einen winzigen Teil dieses Subkontinents sehen und erleben können. Verarbeiten und verstehen wird wohl dann eine ganze Weile dauern. Ich muss gestehen, dass ich es mir nie im Leben so krass vorgestellt hätte, aber vielleicht brauche ich einfach noch ein bischen Zeit um mich daran zu gewöhnen, dass hier wirklich alles anders ist als zu Hause – nicht nur der Verkehr und die vielen Menschen. Aber dazu beim nächsten oder übernächsten Mal mehr!

Stay tuned! Viele Grüße aus New Delhi…

Michael

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Eine Antwort to “So schnell kann´s gehen…”

  1. Alter, das ist aber schon hart mit der Dusche oder?! Das Wasser musst du aber nicht vorher noch selber im Kessel erhitzen? Man gewöhnt sich jedoch bekanntlich an alles und wer das australische Outback überlebt hat, sollte auch hier bestehen können. Jetzt verstehe ich allerdings erst, warum du dich gegen so viele Sachen hast impfen müssen. Pass nur auf, dass deine Küche mal nicht um die Ohren fliegt. Der Toaster sieht mir doch sehr verdächtig aus. Ist der den Stiftung Warentest getestet??

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