Weltkulturerbe zum Frühstück

Jo, das zweite Wochenende ist nahezu Geschichte und nach einer anstrengenden Woche folgte ein noch anstrengenderes, dafür aber umso beeindruckenderes Wochenende in Agra, einer Stadt, die ca. 200km südlich von Delhi liegt, gerade mal 1,3Mio. Einwohner zählt und die eigentlich jedem ein Befriff sein sollte, denn hier steht ES – das Sinnbild vieler Indienreisender und Pilgerstätte abermillionen von Touristen jedes Jahr – das Taj Mahal. Für viele ist dieses zum UNESCO-Weltkulturerbe stehende Bauwerk mit Sicherheit der Palast aus „Tausend und einer Nacht“ schlechthin, aber in Wirklichkeit ist es doch ein Mausoleum und zum Träumen kommt man bei den Menschenmassen nur schwer. Aber wie immer der Reihe nach.

Nach einer nächtlichen Tortur auf New Delhis Bahnhof um Tickets zu bekommen, ging es Freitag Abend mit dem Zug von New Delhi nach Agra. Als bekennender Autofahrer kann ich indische Zugfahrten nur empfehlen. Man sollte jedoch gut wählen aus den zig verschiedenen Klassen, die einem die indische Bahn zur Verfügung stellt. Angefangen bei einer blanken Holzpritsche, über Holzpritsche mit Auflage bis hin zur Einzelkabine mit Bett, Klimaanlage und Bord-Service kann man alles haben. Wir, das sind Sinja, eine Praktikantin des Goethe-Instituts und ich, haben uns für die Mitte entschieden – „AC Chair Car“ – heißt soviel wie klimatisierter Sesselwagen und vom Aufbau her wie ein Holznachbau eines Flugzeuginnenraums, lediglich mit zusätzlichen Ventilatoren an der Decke, Vorhang und derartig dreckigen Scheiben, dass man nur erraten kann, wo man sich gerade in der Pampa befindet. Jedenfalls sehr komfortabel und so kann man für umgerechnet 3,50€ schon mal schnell den abartigen Fäkalgeruch und die Menschenmassen auf indischen Bahnhöfen sowie die allgegenwärtige Hitze um einen herum vergessen und einfach mal abschalten. Das geht aber nur so lange, bis einen die Zugbediensteten aus dem Träumen reißen und einem permanent Tee, kleine Snacks und anderes Zeug aufschwätzen wollen. Naja, und während man bei der deutschen Bahn für 2,80€ gerade mal einen Kaffe bekommt, kann man in Indien für 1,50€ eine komplette Mahlzeit einnehmen und das direkt neben auf Pest untersuchten Toiletten. Mahlzeit! 🙂 Kleines, aber kaum umgehbares Manko bei Zugreisen ist jedoch die Zeit für eine Strecke. Nannte sich unser Zug noch „Intercity Express“, so brauchte er dennoch geschlagene 4h für die knackigen 200km von Delhi nach Agra. Aber bei dem Komfort hält man es aus, die Rückfahrt sollte mich nämlich eines Besseren belehren.

Akunft in Agra war dann gegen 22Uhr und per Rikscha ging es dann in ein vorgebuchtes „Hotel“ in Stadtkern von Agra – 600Rupien für ein Zweibettzimmer, umgerechnet 8.80€ und das in einer Touristenhochburg wie Agra – unschlagbar und ebenfalls sehr komfortabel – lediglich mit zeitweisen Stromausfällen, so dass Kerzen für Licht sorgten, aber das kennen wir alles schon aus Delhi! 😉 Hier konnte man die 5h Schlaf bis zum Sonnenaufgang gut aushalten. Den restlichen Abend verbrachten wir mit zwei Deutschen, die ebenfalls unterwegs waren um das Taj Mahal zu besuchen. Bei einem ist der Trip jedoch etwas ausgedehnter, denn Oli, der Münchner befindet sich gerade auf einer Welttournee mit seinem Offroader und Indien ist nach vier Monaten nur eine weitere Station nach Pakistan, Iran und alles weiter westlich Liegendem. Den Link zu seiner Seite hab ich gleich hinzugefügt und vielleicht trifft man sich in Südostasien oder in Ozeanien 2009 wieder. Schön wärs, denn der Abend und der Tag danach waren sehr spaßig!

Mit den Beiden verbrachten wir den Abend im Hotel bei Coke (leider kein Bierchen erhältlich) und Schach, begleitet von, wie bereits erwähnt,unzähligen Stromausfällen und jeder Menge Grashüpfern, die es scheinbar liebten durch unsere Kerze zu springen und sich dabei die Flügel zu verbrennen.

Am nächsten Morgen ging es dann 5Uhr aus den Federn, so dass wir gegen 6Uhr am Taj Mahal waren, wo wir uns einen spektakulären Sonnenaufgang erhofften. Ok, das Taj ist wirklich spektakulär, aber der Sonnenaufgang nicht unbedingt. Bevor wir jedeoch direkt davorstanden, gingen wir mit samt 5 weiteren Touris einem gefuchsten Inder auf den Leim, der uns einen „Hotspot“ versprach, von wo aus man das Taj sieht. Nur 200Rp., er arbeitet ja schließlich seit 24Jahren hier und kennt sich bestens aus. Spitze! Dumm nur, dass der Blick vollkommen „für´n Arsch“ war, versperrt von den Gebäuden, die das Taj Mahal umgeben. Also kein „Hotspot“ und keine 200Rp. für Mr. Superguide an diesem Morgen. Umso schneller ging es zurück zum Haupttor und das zeitige Aufstehen hat sich dann doch noch gelohnt, nicht aber wegen dem spektakuläen Sonnenaufgang, sondern wegen der sensationellen Leere bis 30min nach der täglichen Öffnung des Komplexes. Bereits 7Uhr war das Gelände so brechend voll, dass immer wieder irgendwelche Besucher den Blick verstellten und man nur schwer einen halbwegs freien Shot machen konnte. Aber auch schön und wenn man sich nur ein bischen für Architektur und die kleinen Detailarbeiten drumrum interessiert, der wird das Taj Mahal lieben lernen. Zugegeben, es ist nicht so groß wie ich es erwartet hätte, aber die Intarsienarbeiten in Marmor, das verwendete Material, die Symmetrie und vor allem die Sauberkeit des Geländes lassen einen schwer beeindruckt wieder rausschreiten. Und die Ruhe vor dem Sturm darf natürlich nicht vergessen werden.

An dieser Stelle eine kurze Klarstellung: ICH FÜHLE MICH DISKRIMINIERT!!! Während der Inder einen lächerlichen Preis von 10-20Rp. bezahlt, wenn er beispielsweise das Taj sehen möchte. so zieht man dem ausländischen Besucher geschalgene 740Rp. aus der Tasche. Richtig – 750Rp., über 12€!!! Dann gibt es noch nicht einmal Studentenrabatt, geschweigedenn ein bevorzugter Einlass, wenn sich die Massen drängeln. Nicht, dass ich hier rumheule, aber wer in dieser Situation ist, der wird sich auch wundern. Vielleicht überlegt das Heimatkundemuseum in Leipzig zukünftig auch, ob es nicht vielleicht den 75-fachen Eintritt von einem Ausländer bekommt, dann dürfte der City-Tunnel schnell finanziert sein. 😉 Aber rummotzen bringt nichts, dafür hat der Einlasser samt AK47-Maschinenpistole einfach die besseren Argumente (sprichwörtlich) in der Hand!

Nachdem wir nun gut 2h auf dem Gelände herumgelaufen sind, im Mausoleum waren, Oli und Marcel (der zweite Deutschen vom Vorabend und nebenbei ein Thüringer) getroffen haben und ich ausgiebigst fotografieren konnte, gingen wir nach dem Besuch direkt in ein Restaurant um eine Kleinigkeit zu frühstücken. Im Stadtkern fanden wir dann ein Restaurant, von dem man einen wirklich schönen Blick auf das Taj hatte und so schmeckten das Omlette und die Sandwiches gleich noch besser. Ein kleines Video gibt es hier:

Nachdem wir uns das Taj ausgiebigst angesehen hatten, hatten wir das Glück zufällig in einen kleinen Marmor-Familienbetrieb zu schauen, rein zufällig, denn nach der Suche nach etwas Alkoholisierten in Form von Bier, kamen wir an einem Lädchen, nicht größer als eine deutsche Bushaltestelle vorbei, in der in einer Akribik feine Intarsienarbeiten in Marmor gefertigt wurden. Diese Technik hatte mich schon im Taj Mahal intereressiert. Wie bekomt man derartige Muster und Verzierungen in einer solchen Exaktheit in ein hartes Material wie Marmor. Die Erklärung folgte nun, man schlägt ganz vorsichtig die exakte Form des Inlays heraus und klebt dann mit einem „Spezialkleber“ das Muster oder die Form in diese Aushöhlung hinein. Man muss kein Kunsthistoriker sein um zu checken, dass diese Arbeit wirklich eine Schweinearbeit ist und nur die allergrößte Exaktheit diese Optik verleiht – absolut beeindruckend!

Weiter ging es in ein Lokal mit „Off Licence Beer“. Heißt: der Laden hat natürlich keine Lizenz Alkohol zu verkaufen, da diese Angelegenheit einmal mehr staatlich organisiert ist und Alkohol vornehmlich in staatlichen Bottleshops verkauft wird. Hier jedoch auf indische Art mit Ausschank unterm Tisch und Bier aus Kaffeepötten, damit die Polizei nichts mitbekommt. Hier ist es dann auch passiert – der Drank der Natur und mein leicht gestörter Stoffwechsel ließen mich auf das stille Örtchen drängen und was ich vorfand war ein Klo in derbster Indienmanier – ein Loch im Boden mit zwei Fußabdrücken für die richtige „K*ckposition“ – geht aber ganz gut, vorausgesetzt man hat die Technik drauf – den Inder dürfte unsere Hinsetz- und Abwisch-Technik ebenso verwundern, aber im Grunde sind die Inder sauberer in dieser Beziehung – Voraussetzung man beherrscht die „indische Freestyle-Kack-Position“. Letztendlich blieb es bei einer sauberen Angelegenheit für mich. Mehr Details möchte ich an der Stelle unterlassen, Bilder sprechen hier mehr als tausend Worte und ein bischen Phantasie hat sicherlich ein jeder…

Hiernach ging es mit dem Bus weiter nach Fathepur Sikri, eine kleine Stadt, ca. 40km südwestlich von Agra mit einer weiteren Unesco-Weltkulturerbe-Sehenswürdigkeit an diesem Tag – dem Königspalast des Großmoguln Michael L., ääähm Akbar, wem das etwas sagen sollte. Ersterer dürfte bekannter sein. 😉

Vorher jedoch machten Sinja und ich einen kleinen Abstecher zur direkt nebenan gelegenen Moschee Jami Masjid, auch sehr interessant, allerdings sehr sackig, da hier an jeder Ecke irgendwelche „Tourguides“, die in einer 5minütigen Rundtour durch den Komplex alles Wichtige erzählten und Höhepunkt einer jeden Tour der eigene Souvenirstand mit Marmorelefanten und anderem Klimmbimm war – sehr sackig, so dass die Ruhe im Königspalast umso angenehmer war, da man hier Eintritt zahlen musste und das dann doch den geschäftstüchtigen Inder abschreckt.

Naja, und da auch in Indien ein Tag nur 24h hat, hieß es nun langsam Abschied nehmen und zurück nach Agra, wo unser Rückzug nach Delhi wartete. Das Ende dieses wirklich grandiosen und erlebnisreichen Tages endete dann wie folgt: Der Bus von Fatehpur Sikri nach Agra brauchte schon wie auf dem Hinweg über eine Stunde für eine Strecke von 40km. Rückzu dauerte es dann nochmal 30min länger, da der Bus (Bus ist übertrieben – bei uns wären diese Geräte nicht mehr verkehrstauglich, Licht gibt es meistens keines, geblinkt wird per Handzeichen, Spiegel sind nur störende Außenverkleidung, die beim Überholen und Drängeln stören könnten, wichtigstes Utensil an „Bord“ ist die Hupe, die wirklich jeder anders gestaltet und die anders nervig laut und penetrant am Trommelfell kratzt und die Innenausstattung enspricht einem alten Ikarus-Bus, nachdem eine Horde Sperrmüllsammler alles Brauchbare ausgebaut hat – Komfortpunkte: -24, aber einzige Möglichkeit zum Reisen auf solchen Strecken, außerdem extrem Billig (22Rp. von Agra nach Fetehpur) und immer völlig überfüllt). Jedenfalls verpassten wir aufgrund eines Kupplungsschadens am Bus unseren Zug in Agra. Der Zug kam 64Rp., also nicht mal einen Euro, so dass man hier hätte auf ein ähnliches Fahrerlebnis schwören können wie die vorhergehende Busfahrt. Egal, wir mussten zurück nach Delhi und da man wirklich überall hinkommt, es nur eine Frage der Zeit und des Komforts ist, entschieden wir uns den Bus von Agra nach Delhi zu nehem – eine fatale Fehlentscheidung, wie sich am Ende herausstellte. Geschlafene 4 Std. waren für 200km angedacht, es wurden geschlagene 5,5h daraus, die Fahrt war laut, eng und so warm, dass man hätte Spiegeleier auf dem Sitz neben mir braten können. Eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte also, aber auch eine, die ich nicht wieder haben muss. Das nächste Mal wird langfristiger geplant. Spontan ist eben doch nicht immer gut! 😉 Eine Lehre fürs Leben!

Total ermüdet und dreckig wie ein Franzose kam ich dann gegen 1.30Uhr in Delhi an, dann direkt nach Hause unter die Dusche, den Dreck runterwaschen, eine Kleinigkeit essen und dann ab ins Bett.

Heute bin ich dann aus unerklärlichen Gründen erst 15Uhr aufgewacht. Mit einem spitzenmäßigen Gefühl im Bauch und der Gewissheit, dass dieses Wochenende echt klasse war und sich der Trip doppelt und dreifach gelohnt hat, werde ich mich jetzt auf die Suche nach etwas Eßbarem machen, danach noch ein paar Stundenvorbereitungen für nächste Woche machen und mal nach Hause telefonieren.

Eine kleine Galerie zum Trip gibt es >>HIER<<.

Bis die Tage, der M.

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Eine Antwort to “Weltkulturerbe zum Frühstück”

  1. Hallo!

    Ich hab mal die Mittagspause genutzt um mir mal wieder ein Update zu verschaffen, was du denn gerade so machst. Mein Gott, klingt ja alles super aufregend, aber irgendwie auch sehr skuril was du so erlebst.

    Vor allem deine Zugfahrt nach Agra erinnert mich doch stark an viele Szenen aus „The Darjeeling Limited“. Da hiess es wohl Nase zu und durch wie im Viehwagon! Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass man da wahnsinnig viele, super interessante Leute sieht. Also einfach mal mit dem Stuhl 1h auf den Bahnhof setzen und ich wette danach hast du genügend Material für 5 weitere Posts.

    Was mich außerdem noch interessieren würde: wie man sich so mit den Leuten auf der Straße verständigt. Englisch sprechen bestimmt einige – aber versteht man die bei dem Akzent?

    Also, keep up the good work!
    Grüße aus Bonn, Martin

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