Archiv für September, 2008

Warmduscher bleiben draußen!

Posted in India on September 30, 2008 by indiapore

Ich habe seit exakt 1,5 Monaten keine heiße Dusche mehr genießen können… Seit exakt 1,5 Monaten! Das heißt jetzt zwar nicht, dass ich mich überhaupt nicht gewaschen habe, aber die Erleuchtung kam im wahrsten Sinne des Wortes auf die Hand, als ich am vergangenen Samstag in irgendeinem Schickimicki-Club hier in New Delhi auf dem Klo war und aus dem Wasserhahn eine Substanz kam, die wir Zentraleuropäer als „Warmwasser“ bezeichnen. Wie schön muss es also sein, wenn… Vergessen wir diesen Gedanken lieber ganz schnell wieder, Delhi/Indien/Asien macht hart, so hart, dass man nach 7 Wochen im Subkontinent geschlagene 4 Tage mit knapp 12 Stunden Schlaf auskommt, nebenbei den Kids in der Schule was von Moral und Anstand predigt und abends richtig die Sau rausläßt, so dass einem tagsdarauf nur so der Schädel dröhnt. Um zum Punkt zu kommen, das letzte Wochenende war eines der härtesten. Nicht etwa, weil die Tour extrem stressig war, sondern weil einfach so verdammt viel auf dem Plan stand, dass man vor lauter Feierei und Sightseeing kaum zum Schlafen kam.

Das Wochenende beginnt in Delhi für deutsche Praktikanten gewöhnlich schon am Donnerstag. Im Urban Pind, einer Art Indian-German-Bebegnungsstätte mit Dachterasse, Club und Restaurant startet man Donnerstag Abend um 22Uhr mit 715Rp. in Wochenende. Dann heißt es „Hoch die Gläser“ zum Flatrate-Saufen, wobei der Alkohol hier nicht immer der „Reinste“ ist, heißt: auf der Flasche steht schnell mal „Smiranoff“ statt „Smirnoff“ und drinnen ist dann irgendein indisches Destillat mit gut dröhnender Wirkung. Also, lieber Finger weg und statt dessen zum Tiger-Beer aus Singapore gegriffen, da weiss man was man kriegt.

Gegen 1Uhr dann überall die gleiche Prozedur – der indische DJ wechselt vom peitschenden Elektrobeat über zum indischen Folklore-Gejammer (ich kann diese Lillillillillillilli-Musik einfach nicht ab) und agiert dabei bestens als Rausschmeißer. Sperrstunde und um halb zwei liegt man dann in seiner Koje und segnet die Stunden, die noch zum Weckerklingeln um 6.10Uhr bleiben. Nach ausgiebigem „Snoozeln“ bis ca. 6.45 geht es dann raus aus den Federn, rein in die Klamotten und raus auf die Straße, wo um exakt 7.04Uhr der Schulbus hält, der einen dann in einer geschlagenen Stunde zur Schule kutschiert. Wäre die Busfahrt nicht jeden Morgen wieder so interessant (und umsonst), würde ich es womöglich vorziehen bis kurz nach 7 in der Falle zu bleiben und dann via Rickshaw zur Schule zu fahren. Aber wann bekommt man schon eine Busfahrt im Morgengrauen vorbei am India-Gate, durch das muslimische Viertel Delhis und durch die reichsten und ärmsten Gegenden Delhis serviert? Womöglich nur noch beim Pauschalurlaub in Indien mit Tagesausflug zu den Hauptsehenswürdigkeiten vor Ort. Jedenfalls lohnt sich die Fahrt, in doppelter Hinsicht!

Der allfreitägliche Gesamtzustand des Leipziger Praktikanten ist dann irgendwas zwischen „gut“ bis „durchfällig“, wobei eine Doppelstunde mit Klasse 6/7 im Fach Kunst recht unterhaltsam sein kann, vor allem wenn Arbeitsaufträge klar sind und die Kids spuren. 😉 Dann erstmal nen Kaffee eingeflößt und die Mails gecheckt und nach der vierten Stunde bei Klasse 9 ist dann auch schon Wochenende angesagt. Okay, ich bin jetzt nicht jeden Tag gegen Mittag aus dem Schneider, immerhin war ich die letzten drei Wochen jeden Tag bis mindestens 17.30Uhr in der Schule, aber zum Wochenende hin zieht man es halt vor eher die Biege zu machen.

Der Nachmittag gestaltet sich dann seit geraumer Zeit gleich: Besorgungen machen, Mittagessen, heimwärts und die konsequente Arbeit am Aufstieg zum „Meister des Mittagschläfchens“. 18Uhr dann wieder raus und letzten Freitag gab es dann erstmal ne Runde DVD´s in der WG – „Bridget Jones“ (Wonnistyle Movie) sowie gutes indisches Essen vom Karnataka, einem Restaurant gleich hier um die Ecke für weniger als 2€ die Person mit reichlich Schmackes drin, Durchfall und Magenkrämpfe inklusive, vorausgesetzt es gibt nicht gleich etwas alkoholhaltiges zum Desinfizieren hinterher! 🙂 Nachdem die eigenen Vorräte aufgebraucht waren, ging es gegen Mitternacht zu den Kollegen der Porsche-Niederlassung von Neu-Delhi. Schon beeindruckend wieviele Praktikanten die Stuttgarter Edelkarossenschmiede hier in Indien hat, zumal das Unternehmen nur knapp über 100 ihrer Schlitten hier im Jahr an den Mann bringt. Jedenfalls nahm die Nacht hier ihren Lauf und man lernte wie immer jede Menge neue Gesichter kennen, reichlich Alkohol inklusive. Zu fortgeschrittener Stunde zog es die WG dann wieder weiter. Diesmal stand ein Club in einem 5-Sterne-Hotel auf dem Plan – „Retro Sushi“. In Badelatschen ging es dann also in einen der Nobelclubs Neu-Delhis. Eintritt für „Weiße“ frei, Inder kommen nur schwer, oder gegen horrente Preise herein – schon diskriminierend und irgendwie auch eine komische Athmosphäre. Pseudoschickimicki trifft auf stinkreiche Inder – eine gefährliche Konstellation, die dann zu so wahnsinnigen Preisen wie 35€ für ein Glas Sekt führt und Angestellte hat, die einem sogar auf dem Klo noch die Wegwerfhandtücher aus der Halterung zieht und zurechtfaltet. Pervers! Eine kranke Gesellschaft, aber eine Erfahrung fürs Leben. Manch einer verfällt dann schnell in diesen Rausch und denkt er sei der König von Welt. Dementsprechend kotzt mich dann auch immer wieder die Beobachtung an, wenn Gleichaltrige oder Gleichgesinnte einen Inder durch die Gegend jagen und ihn wie einen persönlichen Sklaven halten, bloß weil er sich sein Brot als „Fahrer“ verdient. Diese Beobachtung habe ich schon öfters gemacht, nicht nur im indischen Nachtleben und sie gefällt mir ganz und gar nicht. Andererseits wären diese Menschen ohne eben diesen Job noch beschissener dran. Aber Mäßigung ist eben nicht jedermann sein Ding!

Zu mehr als einem Bier für 400Rp. (ca.7€) hat es dann bei mir an diesem Abend doch nicht mehr gereicht, aber der Abend darauf durfte noch krasser und vor allem teurer werden.

Nach einem ordentlichen Katerfrühstück beim Italiener um 15Uhr ging es am Samstag dann zunächst auf einen der unzähligen Märkte hier in Delhi – ein bischen rumschlendern. Der Abend gestaltete sich ähnlich – Porsche-WG zum vorheizen und dann in einen der doch recht zahlreichen Clubs der Stadt. Diesmal: F-Bar oder auch „Fashion Club“. Noch ne Nummer teurer, aber man befindet sich ja in bester Gesellschaft und da auch hier immer „jemand jemanden kennt“ war der Eintritt schnell geregelt und 12 Hanseln zahlten 18000Rp. (ca. 270€!!!) Eintritt in einen von Delhis nobelsten Clubs/Bars/Lounges… was auch immer das war. Für diesen doch recht unnormalen Eintrittspreis gab es dann aber auch Getränkegutscheine im gleichen Wert, also 1500Rp. pro Nase, was ungefähr 3 Cocktails entsprach. Eintritt nur über Sicherheits-Checks, also abtasten, durchleuchten usw. – nervig! Dann noch ein Foto für Delhis „Fashion-Fernsehsender“ auf dem roten Teppich und dann rein ins Gewimmel nebst aufgedonnerten Asiaten, Indern, Arabern usw. – auch ganz lustig anzusehen. Die Musik entspricht wohl eher so dem Mittelmaß europäischer Clubkultur, aber die Location war schon ziemlich derbe aufgezogen. Überall tausende Lämpchen, Bedienstete, Tresen, Sitzecken – schick, aber auch hier wieder das gleiche Spiel: Sehen und gesehen werden um jeden Preis.

Aufgrund der großen Zahl deutscher Praktikanten an diesem Abend zog sich die Nacht dann auch bis kurz nach halb 5Uhr und hätte uns der Taxifahrer nicht nach Strich und Faden bescheissen wollen, wären wir womöglich noch vor 5Uhr ins Bett gekommen. Warscheinlich hat er nicht gewußt, dass er da nur 2 „arme“ Studenten im Auto hatte, der Arme… 😉

Sonntag gestaltet man getreu dem Motto „alles kann, nichts muss!“ (keine Ahnung wo ich das alte Swinger-Motto jetzt herhabe…). Ausschlafen, auskatern und dann auf zum Sightseeing. Ein bischen im politischen Viertel Delhis rumspaziert und dann ging es auch schon wieder rein in irgendeine Nobellounge. Irgendwie haben mich die Dinger am Wochenende magisch angezogen… Vorbei das noch letzte Woche angesprochene „Indiana-Jones-Feeling“. Diesmal wohl dann doch „James Bond in exzessiver Mission“… 😉 Im Park-Hotel war Poolvolleyball auf dem Programm, unterlegt von Live-Musik am Beckenrand und 650Rp. teuren Büffelburgern. Ok, den habe ich mir dann doch nicht geleistet, aber der Nachmittag und Abend war Entspannung pur, das Ganze für lau… schließlich ist man ja weiß, und weiße dürfen überall rein! Fuck that!!!

Abends dann noch eine DVD und ein paar Stundenvorbereitungen und dann ist man auch schon wieder gelandet auf dem Planeten „Normalo“ und um ehrlich zu sein – ja, es war ein schönes Wochenende. Man ist halt auch mal schickimicki unterwegs, haut mal richtig auf den Putz. Aber nein, ich brauche das definitiv nicht jedes Wochenende! Die Umstände, unter denen man hier ausgeht (Diskriminierung, perverse Preise u.a.) sind nicht unbedingt die schönsten und ein gewisser Zweifel an sich selber feiert immer mit. Auf jeden Fall ist auch das eine Erfahrung, die man halt gemacht hat. Trotzdem bevorzuge ich es dann doch die Wochenenden im Umland von Delhi zu verbringen – Raus aus der Stadt, rein ins Abenteuer. Das will ich mir auch nach den Ferien, die übermorgen beginnen, zum Leitmotiv machen. Nicht ohne Grund zieht es mich am Donnerstag schon wieder weg hier – Ich freue mich schon jetzt riesig auf Nepal, das Dach der Welt! Seit 7 Jahren will ich unbedingt da hin, jetzt ist es soweit. Mount Everest, Anapurma, Reinhold Messner, Yeti, Himalaya… Das wird geil, hab ich einen Bock. Die Zeit danach wird auch recht spannend. Habe heute ein verlängertes Wochenende nach Goa gebucht, die alte Hippiehochburg an der Westküste, wo es womöglich mehr Kanabisbauern und Pilzzuchten gibt, als Sand am mehr… 😉 Man darf gespannt bleiben! Wird auf jeden Fall auch geil!

Ich verabschiede mich also zunächst aus Delhi. Den nächsten Eintrag wirds dann irgendwann nach meinen 7 Tagen in Nepal geben. Bis dahin, schaut euch die Bilder an!

Die Galerie findet ihr >>HIER<<

Seid alle gegrüßt, ich mach mich dann mal auf zum Gipfel des Achttausenders! 🙂

Michael

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Mit Lederhut und Rinderpeitsche…

Posted in India on September 23, 2008 by indiapore

…und ganz im Stile des legendären Indiana Jones gibt es diesmal wieder einen erfreulicheren Bericht aus dem Orient serviert. Die Geschehnisse am vergangenen Wochenende haben mich schon mehrmals an die Erlebnisse des amerikanischen Roman-Archäologen denken lassen, dessen Storys, Filme und Comics ich nicht nur als Kind förmlich „gefressen“ habe. Aber immer der Reihe nach.

Nachdem hier am vorletzten Wochenende wortwörtlich eine Bombenstimmung herrschte, so hat sich im Laufe der letzten Woche die Lage äußerlich und auch innerlich wieder normalisiert. Will heißen: Die Tatsachen liegen auf dem Tisch, aber innerlich habe ich mich damit abgefunden, dass man hier jederzeit mit solchen Anschlägen rechnen muss, vor allem aber auf derartig belebten Plätzen, wie jenen, wo es am Wochenende geknallt hat. Indien ist eben ein großer Suppenkessel, wo alle Weltreligionen aufeinander treffen – Reibereien sind also vorprogrammiert. Aber „Peace of mind is Happiness“, also wozu den Kopf zerbrechen? Man zieht seine Konsequenzen aus solchen Erlebnissen und was bleibt ist ein blödes Gefühl, aber keine wirkliche Angst. Zudem habe ich ja nicht wirklich was davon mitbekommen. Lediglich die Fernsehberichte, Zeitungsartikel und die Gewissheit, dass man hier und da selber schon gestanden hat, lassen einen unruhig werden. Aber wie dem auch sei, ich bleibe hier und beende mein Vorhaben wie geplant! Ende der Thematik – ich wollte mein Jahr hier nicht mit solchem Kopfzerbrechen verbringen. Trotzdem mein Beileid an all diejenigen, die der Anschlag in Mitleidenschaft gezogen hat und meine Verachtung den Attentätern, die in meinen Augen einfach nur feige Schw**** sind!!!

Themenwechsel! Was gibt´s Neues? – Einiges! Ein Wochenende ist ins Land gestrichen und es stand mal wieder ein Ausflug an. Diesmal mit meinem Kollegen Kristopher (er sei an dieser Stelle erneut erwähnt!) und mit nem Rucksack vollgepackt mit Kamera, Lonely Planet, Zahnbürste und Reisepass (zum Glück!!!). Warum? erklärt sich später.

Nach einer echt stressigen Woche in der Schule, jeder Menge gehaltener Stunden und einer sehr kurzen Donnerstagnacht ging es Freitagmittag von Delhi nach Jaipur im Bundesstaat Rajasthan, ungefähr 300km südlich von Delhi gelegen. Die Strecke wurde wie immer mit dem Zug bewältigt, diesmal „nur“ 5,5h Fahrt für fuckin´ 290km!!!

Beinahe wäre der Zug fort gewesen, da ich es irgendwie vorzog nochmal eine Runde Mittagschläfchen zu halten, dann aber erst 1h vor Abfahrt aus dem Knick kam und vor mir noch der halbe Berufs-heimwärts-Verkehr Delhis lag. Yesss! Aber zum Glück gibt es noch kompetente Rickshawfahrer, die einen in 45min durch halb Delhi bringen und vor nichts halt machen, noch nicht mal vor der schwangeren Frau mit rohen Eiern im Gepäck! Hier kam es das erste mal auf – das besagte Indiana-Jones-Gefühl, als der Fahrer die Einfahrt zum Bahnhof verpaßte und auf einmal über eine Brücke fuhr, die so ewig lang war, dass man irgendwo anders rauskommen musste, nur eben nicht am Bahnhof. Aber wozu gibt es schon indische Verkehrsregeln? Richtig, um sie zu brechen! Und so ging es dann volle Kanne quer durch einen voll besuchten Markt mit allerlei Buden, wobei die Händler nur abwertende Blicke für unsere brüllende und stinkende Rickshaw übrig hatten. Umso cooler dann das Gefühl auf einen anfahrenden Zug aufzuspringen und die Dreckstadt Delhi hinter einem zu lassen.

Ok, wir mussten noch warten am Gleis, ganze 3 Minuten, aber da sich der Herr noch was zu trinken kaufen musste, klappte es dann doch noch mit dem springenden Indiana-Jones-Move auf den fahrenden Zug. Geile Sache! 😉

Naja, im Zug dann das übliche Prozedere – chillen, futtern, schlafen, quatschen – und um 20.30Uhr standen wir dann in Jaipur am Bahnhof. Ausgehungert, obdachlos und mit gerade mal 3000Rp. Taschengeld für zwei Personen. Warum? Herr Kollege K. hatte seine Geldkarte verlegt und war ohne einen Rupie in der Tasche losgefahren. Spitze, andererseits auch eine Herausforderung der besonderen Art. „Verbringt zu zweit ein Wochenende in einer fremden Stadt mit einem Gesamtbudget von nicht mal 50€.“ – das war unsere Aufgabe an diesem Wochenende. Dem Inder fällt das leicht, immerhin verdient ein Großteil hier nicht mal so viel im Monat, aber als verwöhnter Westler bedarf es dann doch einiger Raffinessen um damit klarzukommen. Auch 50€ sind hier schnell ausgegeben, vor allem wenn man sie auf zwei derartig bierwütigen Freßmaschinen wie Kristopher und mich aufteilen muss und der geschäftstüchtige Inder einen nahezu bei jedem Deal über den Tisch zieht!

Eine Unterkunft war dann das nächste Problem. Herr Kollege hatte nicht nur seine Geldkarte verlegt, Herr Kollege zieht es auch vor ohne Reisepass zu reisen. Und bei aller Korrektheit und Überwachungswahn hier in Indien – das Prozedere eines Hotel-check ins ist wirklich einmalig. Name, Anschrift hier, Anschrift zu Hause, Visumsnummer, gültig von/bis, ausstelende Behörde, Vatername (da steht bei mir immer nur Homer!) und was weis ich noch alles…
In der Herberge angekommen, wollte uns prompt das erste Hotel nicht nehmen, da Herr Kollege diese Unterlagen ja vergessen hatte. Im zweiten sollte uns das nicht mehr passieren. Clever, wie wir Deutschen ja nun mal sind, haben Kristopher und ich einfach die Identitäten getauscht und haben nacheinander eingecheckt. Natürlich mit ein und demselben (meinem) Pass, ledliglich ein paar verdrehten Zahlen und Buchstaben. Hat funktioniert, was aber wirklich nicht schwer war, denn der Typ an der „Rezeption“ war derartig kurzsichtig, dass er beim Kassieren den Schein fast im Mund hatte, so nah war er an seinem Gesicht. Als ihm sein Kollege dann die Treppen hinunterführte, war alles klar! Glück im Unglück und wieder eine Szene, wie sie Indiana Jones nicht anders hätte passieren können. 😉 Dann noch fix im benachbarten Restaurant die Kuddeln vollgeschlagen, ein paar Sätze mit einem Inder getauscht und ab in die Falle – Schlaf nachholen!

Den Tag darauf haben wir beide dann voll ausgekostet und nach einem langen Walk durch Jaipurs Straßen ging gegen Mittag erstmal nichts mehr. Schnauze voll, durchgeschwitzt! Die Stadt vermittelt einem echt den Eindruck irgendwo zwischen Neuzeit und Mittelalter zu stehen. Einerseits Pferdekarren und Handwerker so rückständig, wie ich es nur selten gesehen habe, andererseits Kaffeebars, Restaurants und Toyota-Jeeps, die sich neben brüllenden Bussen, Rickshaws und Fußgängern durch die Straßen quetschen. Fazit – massenhafter Dreck, Krach und Gerüche. Beeindruckend aber kein idealer Platz um das Wochenende zu genießen. Nach einigen Trinkpausen und einem tourimäßigen Fotostop am „Palast der WInde“ (kein Witz, das Ding heißt wirklich so, ist aber auch nur eine Luftnummer), entschieden wir uns für den City Palace, einer Sehenswürdigkeit mitten in der Altstadt, die man Pink City nennt, da hier einfach alle Häuser bei einem bestimmten Lichteinfall „pink“ leuchten, da sie aus irgendeinem rötlichen Schmadder gebaut wurden. Nicht wirklich sensationell, aber hey, man hat´s gesehen! 😉

Der Stadtpalast wurde dann doch großzügig ausgelassen. Der Grund war simpel – Unlust. Und irgendwann verlässt einen dann auch als Kunststudent das Interesse die Gemächer des Maharajas Soundso zu bestaunen. Ein was steht fest. Die ganzen Paläste sind mit Sicherheit nur so gut geworden, weil der Erbauer ein absolutes Arschloch gewesen sein muss und von seinen Arbeitern und Architekten alles abverlangt haben muss, was nur ging – auf Kosten der Angestellten eben. Bei der Arbeitsmoral, die mancher Inder hier an den Tag legt, braucht man sich auch darüber nicht wundern. Auch wenn ich diese Vorgehensweise um Gottes Willen für nicht akzeptabel empfinde!!! Aber anderes Land, andere Mentalität. Und auch bei den Zuständen der umliegenden Gebäude braucht man sich darüber nicht wundern – alles verfallen, irgendwie notdürftig repariert – kein Anzeichen irgendeines Korrektheitssinnes. Aber der Zweck wird erfüllt und das scheint hier nur zu zählen!

Jedenfalls hingen Kristopher und ich eine Weile am City Palace rum, haben mit ein paar Indern gequatscht, die nach ein paar Minuten immer irgendwas von einem haben wollten, oder irgendwelchen Plunder aufquatschen wollten. Nervig, aber im Schatten bei nem kalten Getränk nur halb so schlimm. Ein Rickshaw-Fahrer sollte uns dann für 400Rp. den Rest des Tages überall hinfahren, wo wir nur wollten und so ging es dann erstmal raus aus dem schön stickigen Jaipur, über die Landstraße nach Amber, wo ein recht imposantes Fort steht, das mitten in einem Bergmassiv steht und von wo man einen fantastischen Blick nach Rajasthan hat. Der Bau ist zudem so dermaßen verschachtelt, dass man echt wieder Indiana-Jones-Gefühle bekommt, wenn man darin herumklettert. Die Sicherheitsleute vor Ort halten einen dann aber schnell davon ab wie Indy an seiner Peitsche durch die Hallen zu schwingen. Trotzdem sehr geil, aber auch anstrengend – vor allem der Aufstieg!

Wieder draußen ging es dann auf den Vorplatz der „Burg“, welche eine riesige Festungsmauer hat, die der chinesischen Mauer in Miniatur ähnelt. Hier kann man schön rumklettern, was ich mir nicht hab nehmen lassen. Der Aufstiegt hat mich dann wieder ordentlich Puste gekostet, aber der Blick war es volle Kanne wert. So schön und ruhig von da oben auf die Kleinstadt und das Fort zu schauen – atemberaubend!

Der Abstieg ging dann recht fix und unten wartete Kristopher mit irgendeinem Gebräu, das die Inder „Lohri“ nennen. Irgendeine Mischung aus Minze, Zitrone, Wasser, Gewürzen, Salz und allem möglichen Straßendreck warscheinlich – supergesund, laut Aussage des „Barkeepers“, supereklig in meinen Augen und superspaßig in den Augen der Inder, die unsere verekelten Gesichter belachten. Noch ein netter Plausch mit den „Eingeborenen“ und dann ging es weiter zum nächsten Fort, dem sog. „Tiger Fort“. Der Name ist Programm, aber nicht etwa wegen der vielen Tiger, die man hier sieht, sondern wegen der Tatsache, dass hier alle „Tiger fort“ sind. (Wortspiel, geil wa?) Die Befestigung liegt direkt über der Stadt Jaipur und man hat einen grandiosen Ausblick auf sie. Der Klang einer Stadt von oben ist einfach krass. Man hört echt alles. Menschen, Autos, Tiere, Maschinen, Musik. Aber so schön gedämpft, dass ich mir hiernach nur zu gerne Oropax implantieren lassen würde. Voll ruhig und entspannt stand ich da, bis auf einmal ein Affenpärchen ankam und der Macker mit seinen „geschwollenen Eiern“ schon von weitem signalisierte, dass jetzt er hier mit seiner Liebsten abhängen will. Ok, da stört man besser nicht und verdrückt sich. Respekt geht halt vor und lieber vom Affen vertrieben als vom Affen gebissen! (Noch so´n geiles Wortspiel!!!) Das Fort selber ist weniger sehenswert, total verfallen und vermüllt von den Touristen, die hier ein- und ausgehen, schade, aber es hat an diesem Tag auch gereicht.

Zurück in Jaipur ging es dann direkt ins Hotel und dann direkt zum Essen fassen in unserem „Stammlokal“ über den Dächern der Schmuckmärkte (Jaipur ist voll davon und überall versucht man einem irgendwelchen Glitzerkram „very cheap“ aufzuquatschen, Echtheit nicht garantiert, dafür „cheap cheap!“) Dann noch zwei Bierchen in zwei verschiedenen Bars und dann ab in die Heia.

Sonntag war dann ursprünglich als Ruhetag geplant, der dann ruhiger wurde als gedacht. 13.45Uhr sollte unser Zug von Jaipur nach Delhigehen, so dass wir kurz vor 8Uhr wieder zu Hause sein sollten. Fehlanzeige! Mit satten 5h Verspätung, völlig ausgebrannt und pleite kamen wir dann kurz nach Mitternacht in Delhi an. Die indische und die deutsche Bahn nehmen sich halt doch nicht so viel. Dafür war die Zugfahrt dann doch entspannter, da wir beide einfach nur noch auf „Durchzug“ geschalten hatten und einschliefen als der Zug losrollte. Interessanter dafür die Beobachtungen am Bahnhof von Jaipur. Ich hätte ja viel von den Indern erwartet, aber dass Menschen sich in der Öffentlichkeit derartig schweinisch benehmen können – unglaublich. Okay, die Situation fünf Stunden zu warten ist Stress pur – keine Frage. Aber das legitimiert noch lange nicht das Benehmen, dass mancher Inder an den Tag legt. Ich halte mich kurz – der Inder verrichtet alle seine Geschäfte (klein UND groß) oft und gerne zwischen den Gleisen am Bahnhof. Es gibt Toiletten, welche aber nicht genutzt werden. Der Inder bohrt auch gerne in allen Körperöffnungen rum, die er so hat. Zähle ich meine, so komme ich auf insgesamt 8, wo mein Finger reinpasst, wo ich ihn aber nicht gerne überall reinstecke. Anders da der Inder. Ich habe mich mit der Freestyle-Hintern-Abwisch-Methode abgefunden, aber die Prozeduren des Juckens, Bohrens und Kratzens mit allen Mitteln und an allen Stellen kann ich in der Öffentlichkeit nicht verstehen. Will ich auch nicht, denn einerseits trinkt der Inder nicht aus einer Flasche, weil er sich vor dem verdreckten Flaschenhals ekelt. Statt dessen kippt er sich das Trinken in den Mund aus geringer Höhe, andererseits wäscht er sich nach dem öffentlichen Toilettengang nirgends die Hände, obwohl es Wasserhähne und andere Waschmöglichkeiten zur Genüge gibt und es mehr als Gewiss ist, dass nicht nur „Frühlingsfrische“ an indischen Händen kleben bleibt. Und dann immer dieses Händeschütteln, wenn sie einem Weißen gegenüber stehen. Nach diesen Bildern halte ich mich zukünftig dezent zurück. Incredible (disgusting) India, einmal mehr!

Seit gestern steht dann wieder Schule auf dem Plan. Die letzte Woche mit großen Vorhaben in punkto Unterrichtsstunden vorbereiten. Kommenden Donnerstag beginnen hier die Oktoberferien und ich mach mich auf nach Nepal – zum „Traumerfüllen“! 🙂 Die Woche wird also gut stressig und nachdem ich gestern und heute gut unterrichten durfte, ist morgen der Vietnamkrieg in Klasse 10 dran. Steckenpferdthema für mich, dafür umso mehr Input für die „lieben“ Kleinen…

Ich machs kurz: das kommende Wochenende wird in Delhi verbracht. Es gibt jede Menge Erledigungen für die kommenden Wochen zu machen und Mahatma Gandhis Spuren habe ich immernoch nicht gefunden. Wenn ich sie gefunden habe, dann lest ihr es aber als erste hier.

Bis dahin, stay tuned!

Die Galerie der vergangenen Tage wie immer >> HIER <<

Euch allen eine schöne Woche!

Michael

Eine kurze Stellungnahme…

Posted in India on September 14, 2008 by indiapore

Um nicht lange um den heißen Brei zu reden und direkt zur Sache zu kommen, hier eine kurze Stellungnahme meinerseits zu den schrecklichen Ereignissen am vergangenen Sonnabend hier in Delhi.

Zunächst einmal – mir geht es gut! Genauer gesagt geht es mir besser als es noch am Freitag der Fall war und den ich fast komplett im Bett verbrachte, da ich nach einem Abend in einer Bar hier in Delhi total entschärft zu Hause landete und die Welt von da an Kopf zu stehen schien. Hätte ich den Artikel im Lonely Planet eher gelesen, wäre ich warscheinlich schlauer gewesen und hätte die 750Rp. in etwas anderes investiert als in diese beschissene „Flatrate-Party“, bei der einem warscheinlich alles, nur kein richtiger Alkohol ausgeschenkt wurde. Jedenfalls legte mich das dritte Glas Wodka-Lime-Soda derartig flach, dass es nur noch nach Hause ins Bett ging. Heiß-kalt-heiß-kalt, ein derartiger Drehwurm und Kopfschmerzen vom Feinsten ließen mich nur erahnen, dass es sich mit Sicherheit nicht um Smirnoff gehandelt hat, was da im Glas war, sondern wohl eher pures Ethanol mit irgendwelchem Aroma. Fuck it, aber mit Sicherheit eine Lehre für die kommenden Wochen. Jedenfalls bin ich jetzt wieder voll fit, was aber nicht heißt, dass hier alles in Ordnung ist.

Eingangs angesprochen – dieses Wochenende ist etwas um mich passiert, von dem ich nicht gehofft hätte, dass es passiert, wovor ich riesige Angst habe und was auch meinen Tagesablauf hier in Zukunft deutlich beeinflussen wird. Am Samstag, gegen 18Uhr gab es nämlich hier in Delhi eine Reihe von Bombenanschlägen, bei denen ca. 20-30Menschen (laut indischen Medienberichten) ihr Leben verloren. Das Krasse daran – die Anschläge fanden nicht nur innerhalb weniger Minuten quer verstreut hier in Delhi statt, sondern sie passierten auch an Plätzen, die von Menschen nur so besucht werden. Einen Großteil der Plätze habe ich in meinen bisherigen 4 Wochen hier auch schon besucht und an zweien davon war ich erst am Donnerstag um Besorgungen zu machen. Die Vorstellung, dass hier vor wenigen Stunden Menschen ihr Leben lassen mussten, macht einem schwer zu schaffen. Vor allem die Feigheit der Attentäter läßt mich zudem stark verärgern – versteckt in Mülltonnen, auf einem Kinderspielplatz und in einer Rickschaw haben es die Attentäter völlig ziellos hochgehen lassen. Hauptsache zentral und in möglichst kurzen Abständen. Da ist die Tatsache, dass es sich hierbei um vergleichsweise schwache Sprengkörper gehandelt hat, völlig nebensächlich – die Feigheit eines solchen Anschlags läßt einen schon Angst bekommen, schließlich kann es scheinbar immer und überall passieren.

Vielmehr beschäftigt mich seitdem der Hintergrund dieser Anschläge, die in Indien scheinbar des öfteren passieren, die Motive und natürlich die Täter. Bei meinem jetztigen Wissensstand über die Anschläge von gestern und die Attentäter/Hintermänner kann ich nur sagen, dass es sich nach einem Bekennerschreiben um indische Mujaheddin handelt, also einmal mehr um radikale Moslems, die hier im Klinsch mit den Hindus liegen, wobei die Wurzeln dieses Konflikts recht weit zurückzugehen scheinen. Das Schlimme an der Sache ist zudem, dass es bereits der dritte Anschlag in Serie seitens der Mujaheddin gegenüber den Hindus ist und es abzuwarten bleibt, wer als nächstes zurückschlägt.

Den Abend habe ich jedenfalls zu Hause verbracht, wäre nicht Thomas (mein dt. Mitbewohner) heruntergekommen und hätte mir gesagt ich solle mal in die Nachrichten schauen, hätte ich womöglich erst viel später davon mitbekommen. Ich habe nichts gehört, nichts gesehen. Ich habe es lediglich in den Nachrichten gesehen und die Bilder der bekannten Orte waren einfach schauderlich. Vor allem, wenn man live mitverfolgt wie Opferzahlen und Anschlagszahlen steigen und man nichts machen kann. Nur dasitzen und warten und hoffen, dass nicht noch mehr passiert. Gemeinsam haben wir dann den Abend vor der Glotze verbracht und uns die Liveberichte gegeben, die allerdings stundenlang das Gleiche brachten und nur hin und wieder mit Neuigkeiten glänzten. Auch die Tatsache, dass diese Anschläge nur kurz in den deutschen Nachrichten zu sehen waren, SPIEGEL und Co. nur kurz darüber berichteten – all das verunsichert mich momentan stark. Aber scheinbar sind solche Nachrichten erst dann wieder interessant, wenn der verdammte amerikanische Präsident gewählt wurde und irgendein beschissener Hurricane die amerikanische Küste verlassen hat. Wie es den Hinterbliebenen der handvoll Inder jetzt gehen mag, scheint dabei niemanden zu interessieren. Ich weiß nur, dass ich gestern in eine Art Panik verfallen bin und sofort allen Kontakten meiner Telefonloste SMS und Anrufe hab zukommen lassen und gefragt habe, ob es ihnen gut geht – zum Glück tut es das! Erleichterung kam dann auch erst wirklich auf, als alle wohlbehalten bei Aruna und George im Wohnzimmer saßen und alle voneinander wußten, dass es ihnen gut geht. Trotzdem ein wirklich beschissenes Gefühl, dass man nicht unbedingt erleben muss.

Die kommenden Tage werde ich mich dann bewußt zurückhalten. Die Tatsache, dass ein Großteil der Bomben auf belebten Märkten hier in Delhi stattfand, läßt mich dazu bringen, eben diese in Zukunft zu meiden. Überhaupt werde ich mich die kommenden Tage vordergründig zu Hause und in der Schule aufhalten – es gibt eh genug zu tun mit Stundenvorbereitungen! Aber das Gefühl, dass einen diese Angst zu so etwas treibt ist wahnsinn. Ich werde auch die Sache in Zukunft im Auge behalten und im Zweifelsfalle meine Tasche vorzeitig packen um nach Hause zu kommen. Nur wäre eine solche Entscheidung an dieser Stelle mit Sicherheit zu spontan. In Gesprächen mit meinen Mitbewohnern konnte ich auch erfahren, dass diese bereits Umgang mit solchen Geschehnissen haben und teilweise auch etwas derartiges vor ihrem Herflug erwarteten, während sie hier sind. Mag krass klingen, aber warscheinlich muss man sich damit abfinden, dass das hier eben in jeder Beziehung eine andere Welt ist, von der man nie wirklich weiß was sie einem bietet. Und dazu gehören nun mal auch solche schrecklichen Ereignisse. Aber die muss man wirklich nicht erleben – nach 9/11 ist die Welt ohnehin nicht mehr die, die sie einmal war und man muss scheinbar immer und überall mit der Gewissheit leben, dass es in jedem Moment überall auf der Welt passieren kann – auch hier, und vielleicht hier noch mehr als anderswo auf der Welt.

Ich passe auf jeden Fall auf mich auf und werde hier keine Dinger reißen.

Schade, ich hätte gehofft, dass ich das Wochenende etwas netteres hätte schreiben können.

Als Gegner jeglicher Sensationsgeilheit und unnötiger Dramatisierung verzichte ich heute auch einmal auf Videos und Bilder. Wenn es euch weiter interessiert, dann schaut euch die folgenden Links [1][2][3][4] an und lest die Artikel. Bei Fragen stehe ich euch zur Verfügung (soweit ich sie beantworten kann)

Bis dahin, paßt auf euch auf!

Euer Michael

Ein Bild muss doch sein: hier eine kleine Auflistung der stattgefundenen Anschläge und mein Wohnort (Gulmohar Park; rot!!!)

Von Gurus, Pakistanis und zersägten Köpfen…

Posted in India on September 8, 2008 by indiapore

Was macht man, wenn einem eine Horde mit Säbeln und Dolchen bewaffneter, turbantragender Männer mit Vollbart gegenübersteht und einen mit tiefdunklen Augen auf Schritt und Tritt verfolgt? – Richtig, man lächelt sie an, hält seine Kamera auf sie, drückt ein paar Mal ab und kommt mit ihnen ins Gespräch! – Eine Szene, wie sie sich am vergangenen Wochenende in Amritsar unzählige Male abgespielt hat und wie sie sich warscheinlich Tag für Tag im heiligsten Ort der Sikhs wiederholt. Wie immer alles der Reihe nach!

Die letzte Woche ging schneller um, als erwartet und nach mehreren erfolgreichen Unterrichtsversuchen an der DSND ging es am Freitag von New Delhi in den Norden, in die Provinz Punjab und genauer gesagt nach Amritsar, dem Pilgerort der ca. 20Mio. Sikhs weltweit. Wem diese vergleichsweise junge montheistische Religion nichts sagen sollte, der clickt sich am besten mal eben durch die Wikipedia oder liest hier weiter, dann aber nur basierend auf meinem Wissensstand und mit meinen Eindrücken, die ich an diesem wirklich umwerfenden Wochenende sammeln konnte.

Nachdem der Zug, der uns über Nacht eigentlich von Delhi nach Amritsar bringen sollte, satte 2h Verspätung hatte und wir erst gegen 22Uhr unsere Pritschen im Schlafwagen beziehen konnten, gestaltete sich die Nacht besser als zunächst erwartet, denn eine indische Familie, bestehend aus 3 feierwütigen jungen Männern zwischen 21 und 30Jahren, einer Tochter (mindestens genauso unterwegs), deren Großeltern, Eltern, Schwägern, Schwägerinnen und was sonst noch alles zu einer indischen Großfamilie gehört, hatte sich in unserem Abteil breit gemacht und war auf dem Weg zu einer Hochzeit zu irgendeinem weiteren Verwandten x-ten Grades in Amritsar. Jedenfalls verbrachte ich die halbe Nacht in bester Gesellschaft und futterte mich auf Kosten derer richtig durch. Nicht, dass ich mich als unverschämt bezeichnen möchte, aber diese Leute haben mich nahezu genötigt von ihrem mitgebrachten Essen zu probieren und deren Getränke mitzunehmen. Naja, und da ich auch kein Kostverächter bin und richtig Kohldampf hatte, flößte man mir unbekannte Eintöpfe mit richtig großen Leberstücken vom Schaf (LECKER!!!) nebst Knabberzeugs und ordentlich indischem Whisky ein, so dass ich eigentlich davon ausgehen musste, dass ich den kommenden Tag auf einer indischen Standlatrine verbringen werde. Warscheinlich sollte ich öfters alles auf eine Karte setzen, denn außer einem völlig vollgefressenen Magen konnte ich mich nicht beschweren und es war das erste Mal, dass ich mich nach einem indischen Essen richtig wohl gefühlt habe und satt und zufrieden die Nacht im Zug durchschlief und erst gegen 8Uhr wieder aufwachte um weiter zu feten – diesmal mit unzähligen Fotosessions meiner und Sinjas Person in den Armen dieser Familie, zwischen den Brüdern, neben der Schwester, im Arm der Oma, neben dem Schwager und und und… Warum hat man den Indern eigentlich Fotohandys gegeben? Nach dieser Fahrt und diesem Wochenende frage ich mich das ehrlich!

Egal, Ankunft in Amritsat war dann dementsprechend verspätet um 10Uhr, von wo es dann direkt in den Goldenen Tempel, dem heiligsten Ort der Sikhs, ging. Hier angekommen suchten wir sogleich die Pilgerherberge (umsonst!!!) auf, wo wir unsere Rucksäcke unterstellten und dann konnte es auch schon losgehen mit Sightseeing, Fotosession hier, Gespräch da, historischem Input hier und neugierigen Blicken da.

Bevor man den Tempel betreten darf, muss man sich seiner Schuhe entledigen. Zugegeben bei den Straßengegebenheiten mit Hundekot, Essensresten, Dreck und Müll überhaupt nicht unbedingt die leckerste Angelegenheit, aber das Gelände um den Tempel war vergleichsweise sauber und bevor man ihn betritt, muss man ohnehin Füße waschen und das Hapt bedecken. Also, Kopftuch um (auch als Mann!) und dann ab zum Füße waschen. Der Komplex gestaltet sich wie ein riesiges Viereck, außen komplett aus weißem Marmor umgeben, in der weiten Mitte ein riesiger „Pool“ (bei den Sikhs wär ich jetzt bestimmt einen Kopf kürzer…) und in der Mitte steht es, das Highlight unserer Pilgerfahrt nach Amritsar – ein Prachtbau, gänzlich aus Marmor und überzogen mit einer derartigen Goldschicht, dass man nur schwer glauben kann, dass das alles echt sein kann. Aber Tatsache – allein die Kuppel einer der außenstehenden Gebäude ist mit ca. 750kg purem Gold überzogen. Unvorstellbar was hier verbaut wurde und absolut heilig für die Sikhs, die beim Betreten des Tempels auf die Knie fallen, den Boden küssen und sich die Andachten, Geschichten und Lehren ihrer Gurus (die „Obermacker“ der Sikhs) anhören, die im ganzen Komplex via Lautsprecher live aufgesagt werden – und das 24h, 7Tage die Woche!!! Völlig beeindruckend und vor allem schön anzusehen, wenn Männer mit riesigen Säbeln, Dolchen, den schillerndsten Gewändern und den großartigsten Verzierungen ihren Glauben praktizieren und man selbst steht mittendrin und wird nur aufgrund seiner Hautfarbe angeschaut – ansonsten ist man völlig willkommen und keiner schaut einen blög an, nur weil man als Touri irgendwie nervt… Fantastisch, wobei sich das Blatt noch wenden sollte.

Nach einem ausgiebigen Rundgang ging es dann zur Pilgerspeisung (auch umsonst) – eine Art Riesenmensa, in der in gigantischen Kochtöpfen bestes Pilgeressen gekocht wird. Man setzt sich im Schneidersitz in den riesigen Saal, alle paar Sekunden kommt ein Sikh mit einem Eimer und einer Kelle vorbei und scherbelt einem den nächsten Gang auf den Aluminiumteller. Gegessen wird freestyle – mit Händen und hier ausmahmsweise auch mit der Linken, die ja sonst als unreine Hand zum Abwischen des Allerwertesten missbraucht wird und nicht gern auf dem Teller gesehen wird. Das ganze Festmahl wird dann lediglich durch den Kärcher-Reiniger gestört, der alle paar Minuten die verkleckerten Reste wegfegt – hier zeigt sich die Religion modern und vertraut auf schwäbische Technik in punkto Saubermachen. Echt beeindruckt von dieser Art der Massenverpflegung und vollkommen gesättigt machten Sinja und ich dann auf um einen Bus zur Grenze nach Pakistan zu finden. Amritsar selber liegt nämlich nur rund 40km von der pakistanischen Grenze entfernt und hier spielt sich das in meinen Augen spaßigste und übertriebendste Spektakel ab, dass ich in punkto Grenzsicherung jemals gesehen habe.

Mit einem Bus der Sonderklasse ging es also für 12Rp. (ca. 20Cent) nach Attari, einem kleinen Kaff, nochmal einen knappen Kilometer vor Pakistan, von wo aus mann dann via Fahrradrikschaw zum Ziel gefahren wird.

Da beide Staaten ein sehr sensibles Verhältnis zueinander haben, beide sehr sehr stolz auf das eigene Land sind, aber dennoch einander schon oft bekriegt haben (ich erinner an den Bangladeschkrieg 1971 und unzählige Autonomiebestrebungen indischer Regionen, die von den Pakistanis unterstützt wurden – waffenteschnisch als auch ideologisch), holt man hier mit einem pompösen Großaufgebot von Militärs und Grenzbeamten Abend für Abend die indische und pakistanische Flagge ein, begleitet von tausenden Besuchern, die alle den Stolz auf ihr Land lautstark zum Ausdruck bringen und man sich gegenseitig durchgehend versucht zu übertönen. Alles in allem gleicht dieses Spektakel einer Riesenparty, bei der jeder zum Ausdruck bringen will, dass das eigene Land das bessere ist und man stolz auf das Geschaffene ist. Dumm an dieser Stelle, dass außer einer Handvoll Pakistanis auf pakistanischer Seite keiner großartig da war und sich die geschätzten 5000 Inder umso lautstarker präsentierten und allemöglichen Hymnen brüllten, Fahnen wehten, Lieder sangen und den Pakistanis so ordentlich Kontra gaben, wenn diese auch nur ansatzweise versuchten eine Hymne oder Parole anzustimmen. Sehr sehr geil und bei unseren offenen Grenzen in Europa nur schwer vorstellbar (Oder kommt demnächst einer mit nach Görlitz um den Tschechen mal so richtig einzuheizen? 😉 ). Jedenfalls wird in dieser Art und Weise tagtäglich die Fahne der beiden Länder eingeholt, immer besucht von Menschenmassen, die hier den Stolz auf ihr Land auf ganz besondere Art und Weise zum Ausdruck bringen – incredible India – einmal mehr! Ein kurzes Video der Zeremonie gibt es hier:

Hier ist es dann auch passiert, dass man mich beklaut hat. Ich hab keine Ahnung wie es passiert ist, aber es muss einer der vielen Straßenverkäufer gewesen sein, im geschätzten Alter zwischen 5-12Jahren, die einem indische Fahnen, Postkarten und anderen Nippes andrehen wollen. Jedenfalls stellte ich auf einmal fest, dass die Seitentasche meiner Hose offen war und das Portmonee fehlte – glücklicherweise ohne Kreditkarten und anderer wichtiger Dinge, lediglich eine Geldnadel mit ca. 30-40Euro in indischen Rupien. Naja, „Fett weg“ würde ich hier meinen, aber man zieht schnell seine Lehren und glücklicherweise ist es nichts wirklich Tragisches, aber es kann halt immer und überall passieren. Kann man nur hoffen, dass der kleine Dieb das Geld sinnvoll ausgibt und nicht wie von einigen Indern erwähnt für Drogen und anderes Scheißzeug ausgibt. Wenns dem Kleinen positiv hilft, bitte – aber diese Hoffnung ist mit Sicherheit nur Illusion. Egal, bin demnächst vorsichtiger und trage seitdem alles Wichtige direkt am Mann. Demnach also kein Grund sich den Rest des Tages/Wochenendes zu vermiesen, nur ein Schock, aber den kriegt man hier eh an jeder Ecke und in jeder Situation – und das umsonst!!! 😉 – (Galgenhumor, merkste?)

Zurück im „sicheren“ Amritsar und nach einer gut durchschüttelten 40km-Fahrt auf der Rückbank einer Rickschaw, ging es direkt in die Herberge des Tempelkomplexes, wo erstmal der Dreck der Straße heruntergewaschen wurde. Danach ging es direkt wieder in den Tempel um das Bauwerk im Dunkeln zu bewundern – wirklich beeindruckend, da man hier ausnahmsweise nicht auf den Dunkelheitseffekt verzichtet und das gesamte Gelände imposant wie kaum etwas Vergleichbares mit Lichtern ausgestattet hat, die den goldenen Tempel anstrahlen. Nach unzähligen Fotos mit den Sikhs und jeder Menge amateurhaften Gesprächen auf Englisch mit dem selben Inhalt (Where from? What Name? How long in India? Girl [Sinja] is your wife?), ging es dann noch fix was essen und dann ab in die Falle in die Herberge.

Am kommenden Tag ging es dann erst kurz nach 10Uhr aus den Federn und dann auf direktem Weg in die zum Komplex gehörige Galerie, wo man allerlei Gemälde aus der Geschichte der Sikhs, deren Gurus und natürlich der aktuellen wichtigsten Vertreter dieser „kleinen“ Glaubensgemeinschaft erfährt.

Um ehrlich zu sein – als bewanderter Galeriengänger habe ich schon allerlei Zeugs gesehen – Schönes, Häßliches, Abartiges, Perverses, Widerliches – aber das hier Gezeigte hat mir stellenweise echt die Sprache verschlagen. Eines vorneweg – die Sikhs stellen sich überall als Märtyrer und Verteidiger ihres Glaubens dar, denen in der Geschichte nur Schlechtes zugefügt wurde und die sich „nur“ verteigiden musste um ihren Glauben frei praktikzieren zu können. Nun, stellenweise mag das ja stimmen, immerhin sind die vielen Konflikte mit anderen religiösen Gruppierungen scheinbar wirklich so passiert, zum Leidwesen der Sikhs, andererseits waren es aber auch 2 dem Sikhismus zugehörige Glaubensträger, die Indira Gandhi 1984 (Indiens damalige Premierministerin) erschossen, auch wenn diese rigoros gegen die Autonomiebestrebungen der Sikhs im Norden Indiens vorgegangen ist. Jedenfalls ist die Galerie bestens bestückt mit den abartigsten Darstellungen in Farbe und auf Leinwand – da werden Menschen bei lebendigem Leib von oben herab mit einer Säge zersägt, Menschen gevierteilt, in nahezu jedem Schlachtenbild sammeln sich die abgeschlagenen, blutverschmierten und zerstümmelten Köpfe der Gefallenen und Folterungen an bekannten Sikhs werden auch nicht detailarm, sondern ganz genau und klar proportioniert dargestellt. Der Betrachter verfällt schnell dem Glauben, die Sikhs würden nur unterdrückt von den bösen „Anderen“. Wenn man jedoch weiter durch die Galerie schreitet, sieht man die Portraits neuester wichtiger Sikh-Vertreter, die sich auch gerne neben großen Waffen, in erhabener Pose und in zwielichtiger Perspektive (mit dunklen Sonnenbrillen nebst schwerer Bewaffnung) darstellen lassen. Interessant waren auch die Totenbilder vergangener Würdenträger des Sikhismus – Natürlich durfte keiner von ihnen eines natürlichen Todes gestorben sein und so beschloss man alle Totenbilder bis aufs Unkenntlichste mit roter Farbe zu versehen, so dass jeder Tote wie ein in der Schlacht Gefallener Märtyrer aussieht. Letztendlich ist er an einem zu großen Stück Kuchen erstickt, aber das Totenbild entstellt sein Gesicht bis zur Unendlichkeit in roter Farbe, angebrachten klaffenden Wunden und in heldenhafter Pose – abgefahren!

Besonders in Erinnerung geblieben sind mir zwei Bilder – das erste Bild stellt ein zusammengetrieben Horde Frauen, umgeben von männlichen Pakistanis dar, welche die Kinder der Frauen auf grausamste Art und Weise abschlachten und im Anschluss daran die Eingeweide und Gliedmaßen der völlig zerfetzten und blutverschmierten Kinder den Müttern um den Hals legen. Einfach nur pervers. Ein zweites Bild stellt einen Guru dar, der ein neues Gewehr bekommen hat und dieses ausprobieren möchte. Nachdem der Großteil seiner Untertanen sich raunend wegdreht, stellen sich zwei seiner Anhänger der Herausforderung des Gurus und lassen sich die Kugel aus dem immerhin neuen Gewehr durch den Körper ballern – schon krank, aber immerhin ein Märtyertod und der Guru hat nun die Gewissheit, dass sein neues Gewehr auch wirklich funktioniert. Hammerhart und in Europa womöglich undenkbar! Das London Dungeon kann also zumachen, das hier war wirklich gruselig und abartig. Trotzdem interessant, aber so schnell muss ich mir das nicht mehr geben. Gut auch, dass ich mir die Galerie erst am zweiten Tag gegeben habe, sonst wär ich glaube nicht ganz so freizügig mit meiner Kamera losgezogen und hätte wild drauf losgeknipst. Immerhin könnte der Sikh vor meiner Linse der Ururenkel des Schlächters aus Bild Nr. 237 sein und es bringt mir herzlich wenig nen Kopf kürzer nach Delhi zurückzukehren.

Nach dem Galeriebesuch ging es dann noch in Amritsar auf ein Areal, wo am 13.April (!!!) 1919 die britische Armee wahllos auf eine friedliche Demonstration von Indern geschossen hat und unzählige Menschen zu Tode kamen. Die Einschusslöcher in den Hausmauern kann man noch heute erkennen und neben einem Park der Erinnerung gibt es auch eine kleine Halle mit Portraits den bekanntesten Toten des Ortes von damals (u.a. ein Dozent der Münsteraner Universität). Alles in allem ein blutiger Sonntag, der aber recht entspannt endete. Zurück in der Herberge ging dann nicht mehr viel. Noch ne Runde geratzt, Rucksack gepackt und 16Uhr ging es dann zum Bahnhof, von wo aus der Zug nach New Delhi abging. Habe ich noch letzte Woche die indische Bahn gelobt, so will ich sie diesmal doch ironischerweise kritisieren, denn ich kann nicht nur essen!!! Vier Mahlzeiten in 6 Stunden Zugfahrt sind einfach zu viel und spätestens beim Eisnachtisch war dann der Ofen aus und ich konnte einfach nur noch vollgefressen in meinem ultrabequemen Sessel verdauen.

Ankunft in Delhi war dann irgendwas um die 23.30Uhr. Dann mit der Rickschaw nach Hause und gegen 1Uhr im Bett.

Fazit: Ein zweites saugeiles Wochenende. Total interessant, superspannend und widerum total anders als das tagtägliche Erleben hier in Delhi. Ein Wochenende im indischen Nirgendwo (für uns Europäer) kommt einem vor wie 7Tage Abenteuerurlaub und montags im Lehrerzimmer beantwortet man gerne die Frage „Und, wie war dein Wochenende?“…

Das kommende WE wird sich etwas entspannter gestalten. Ich bleibe mal zu Hause und werde mich mal auf die Spuren Mahatma Gandhis begeben, sein Haus aufsuchen und den Ort, wo man ihn 1948 erschoss. Vielleicht die ein oder andere Party und ein Abstecher in meine neue Lieblingsbar hier in Delhi – „QBA“ – Restarant&Bar – schön zum Abchillen und Bierchen trinken! 😉

Die Galerie des letzten Wochenendes gibt es >>HIER<<

(Benutzt die Diashow! – fasziniert mich immer wieder…) 🙂

Den nächsten Bericht gibts dann am kommenden Wochenende!

Stay tuned und viele Grüße aus dem Orient!

Micha „Guru“ L.