Eine kurze Stellungnahme…

Um nicht lange um den heißen Brei zu reden und direkt zur Sache zu kommen, hier eine kurze Stellungnahme meinerseits zu den schrecklichen Ereignissen am vergangenen Sonnabend hier in Delhi.

Zunächst einmal – mir geht es gut! Genauer gesagt geht es mir besser als es noch am Freitag der Fall war und den ich fast komplett im Bett verbrachte, da ich nach einem Abend in einer Bar hier in Delhi total entschärft zu Hause landete und die Welt von da an Kopf zu stehen schien. Hätte ich den Artikel im Lonely Planet eher gelesen, wäre ich warscheinlich schlauer gewesen und hätte die 750Rp. in etwas anderes investiert als in diese beschissene „Flatrate-Party“, bei der einem warscheinlich alles, nur kein richtiger Alkohol ausgeschenkt wurde. Jedenfalls legte mich das dritte Glas Wodka-Lime-Soda derartig flach, dass es nur noch nach Hause ins Bett ging. Heiß-kalt-heiß-kalt, ein derartiger Drehwurm und Kopfschmerzen vom Feinsten ließen mich nur erahnen, dass es sich mit Sicherheit nicht um Smirnoff gehandelt hat, was da im Glas war, sondern wohl eher pures Ethanol mit irgendwelchem Aroma. Fuck it, aber mit Sicherheit eine Lehre für die kommenden Wochen. Jedenfalls bin ich jetzt wieder voll fit, was aber nicht heißt, dass hier alles in Ordnung ist.

Eingangs angesprochen – dieses Wochenende ist etwas um mich passiert, von dem ich nicht gehofft hätte, dass es passiert, wovor ich riesige Angst habe und was auch meinen Tagesablauf hier in Zukunft deutlich beeinflussen wird. Am Samstag, gegen 18Uhr gab es nämlich hier in Delhi eine Reihe von Bombenanschlägen, bei denen ca. 20-30Menschen (laut indischen Medienberichten) ihr Leben verloren. Das Krasse daran – die Anschläge fanden nicht nur innerhalb weniger Minuten quer verstreut hier in Delhi statt, sondern sie passierten auch an Plätzen, die von Menschen nur so besucht werden. Einen Großteil der Plätze habe ich in meinen bisherigen 4 Wochen hier auch schon besucht und an zweien davon war ich erst am Donnerstag um Besorgungen zu machen. Die Vorstellung, dass hier vor wenigen Stunden Menschen ihr Leben lassen mussten, macht einem schwer zu schaffen. Vor allem die Feigheit der Attentäter läßt mich zudem stark verärgern – versteckt in Mülltonnen, auf einem Kinderspielplatz und in einer Rickschaw haben es die Attentäter völlig ziellos hochgehen lassen. Hauptsache zentral und in möglichst kurzen Abständen. Da ist die Tatsache, dass es sich hierbei um vergleichsweise schwache Sprengkörper gehandelt hat, völlig nebensächlich – die Feigheit eines solchen Anschlags läßt einen schon Angst bekommen, schließlich kann es scheinbar immer und überall passieren.

Vielmehr beschäftigt mich seitdem der Hintergrund dieser Anschläge, die in Indien scheinbar des öfteren passieren, die Motive und natürlich die Täter. Bei meinem jetztigen Wissensstand über die Anschläge von gestern und die Attentäter/Hintermänner kann ich nur sagen, dass es sich nach einem Bekennerschreiben um indische Mujaheddin handelt, also einmal mehr um radikale Moslems, die hier im Klinsch mit den Hindus liegen, wobei die Wurzeln dieses Konflikts recht weit zurückzugehen scheinen. Das Schlimme an der Sache ist zudem, dass es bereits der dritte Anschlag in Serie seitens der Mujaheddin gegenüber den Hindus ist und es abzuwarten bleibt, wer als nächstes zurückschlägt.

Den Abend habe ich jedenfalls zu Hause verbracht, wäre nicht Thomas (mein dt. Mitbewohner) heruntergekommen und hätte mir gesagt ich solle mal in die Nachrichten schauen, hätte ich womöglich erst viel später davon mitbekommen. Ich habe nichts gehört, nichts gesehen. Ich habe es lediglich in den Nachrichten gesehen und die Bilder der bekannten Orte waren einfach schauderlich. Vor allem, wenn man live mitverfolgt wie Opferzahlen und Anschlagszahlen steigen und man nichts machen kann. Nur dasitzen und warten und hoffen, dass nicht noch mehr passiert. Gemeinsam haben wir dann den Abend vor der Glotze verbracht und uns die Liveberichte gegeben, die allerdings stundenlang das Gleiche brachten und nur hin und wieder mit Neuigkeiten glänzten. Auch die Tatsache, dass diese Anschläge nur kurz in den deutschen Nachrichten zu sehen waren, SPIEGEL und Co. nur kurz darüber berichteten – all das verunsichert mich momentan stark. Aber scheinbar sind solche Nachrichten erst dann wieder interessant, wenn der verdammte amerikanische Präsident gewählt wurde und irgendein beschissener Hurricane die amerikanische Küste verlassen hat. Wie es den Hinterbliebenen der handvoll Inder jetzt gehen mag, scheint dabei niemanden zu interessieren. Ich weiß nur, dass ich gestern in eine Art Panik verfallen bin und sofort allen Kontakten meiner Telefonloste SMS und Anrufe hab zukommen lassen und gefragt habe, ob es ihnen gut geht – zum Glück tut es das! Erleichterung kam dann auch erst wirklich auf, als alle wohlbehalten bei Aruna und George im Wohnzimmer saßen und alle voneinander wußten, dass es ihnen gut geht. Trotzdem ein wirklich beschissenes Gefühl, dass man nicht unbedingt erleben muss.

Die kommenden Tage werde ich mich dann bewußt zurückhalten. Die Tatsache, dass ein Großteil der Bomben auf belebten Märkten hier in Delhi stattfand, läßt mich dazu bringen, eben diese in Zukunft zu meiden. Überhaupt werde ich mich die kommenden Tage vordergründig zu Hause und in der Schule aufhalten – es gibt eh genug zu tun mit Stundenvorbereitungen! Aber das Gefühl, dass einen diese Angst zu so etwas treibt ist wahnsinn. Ich werde auch die Sache in Zukunft im Auge behalten und im Zweifelsfalle meine Tasche vorzeitig packen um nach Hause zu kommen. Nur wäre eine solche Entscheidung an dieser Stelle mit Sicherheit zu spontan. In Gesprächen mit meinen Mitbewohnern konnte ich auch erfahren, dass diese bereits Umgang mit solchen Geschehnissen haben und teilweise auch etwas derartiges vor ihrem Herflug erwarteten, während sie hier sind. Mag krass klingen, aber warscheinlich muss man sich damit abfinden, dass das hier eben in jeder Beziehung eine andere Welt ist, von der man nie wirklich weiß was sie einem bietet. Und dazu gehören nun mal auch solche schrecklichen Ereignisse. Aber die muss man wirklich nicht erleben – nach 9/11 ist die Welt ohnehin nicht mehr die, die sie einmal war und man muss scheinbar immer und überall mit der Gewissheit leben, dass es in jedem Moment überall auf der Welt passieren kann – auch hier, und vielleicht hier noch mehr als anderswo auf der Welt.

Ich passe auf jeden Fall auf mich auf und werde hier keine Dinger reißen.

Schade, ich hätte gehofft, dass ich das Wochenende etwas netteres hätte schreiben können.

Als Gegner jeglicher Sensationsgeilheit und unnötiger Dramatisierung verzichte ich heute auch einmal auf Videos und Bilder. Wenn es euch weiter interessiert, dann schaut euch die folgenden Links [1][2][3][4] an und lest die Artikel. Bei Fragen stehe ich euch zur Verfügung (soweit ich sie beantworten kann)

Bis dahin, paßt auf euch auf!

Euer Michael

Ein Bild muss doch sein: hier eine kleine Auflistung der stattgefundenen Anschläge und mein Wohnort (Gulmohar Park; rot!!!)

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