Mit Lederhut und Rinderpeitsche…

…und ganz im Stile des legendären Indiana Jones gibt es diesmal wieder einen erfreulicheren Bericht aus dem Orient serviert. Die Geschehnisse am vergangenen Wochenende haben mich schon mehrmals an die Erlebnisse des amerikanischen Roman-Archäologen denken lassen, dessen Storys, Filme und Comics ich nicht nur als Kind förmlich „gefressen“ habe. Aber immer der Reihe nach.

Nachdem hier am vorletzten Wochenende wortwörtlich eine Bombenstimmung herrschte, so hat sich im Laufe der letzten Woche die Lage äußerlich und auch innerlich wieder normalisiert. Will heißen: Die Tatsachen liegen auf dem Tisch, aber innerlich habe ich mich damit abgefunden, dass man hier jederzeit mit solchen Anschlägen rechnen muss, vor allem aber auf derartig belebten Plätzen, wie jenen, wo es am Wochenende geknallt hat. Indien ist eben ein großer Suppenkessel, wo alle Weltreligionen aufeinander treffen – Reibereien sind also vorprogrammiert. Aber „Peace of mind is Happiness“, also wozu den Kopf zerbrechen? Man zieht seine Konsequenzen aus solchen Erlebnissen und was bleibt ist ein blödes Gefühl, aber keine wirkliche Angst. Zudem habe ich ja nicht wirklich was davon mitbekommen. Lediglich die Fernsehberichte, Zeitungsartikel und die Gewissheit, dass man hier und da selber schon gestanden hat, lassen einen unruhig werden. Aber wie dem auch sei, ich bleibe hier und beende mein Vorhaben wie geplant! Ende der Thematik – ich wollte mein Jahr hier nicht mit solchem Kopfzerbrechen verbringen. Trotzdem mein Beileid an all diejenigen, die der Anschlag in Mitleidenschaft gezogen hat und meine Verachtung den Attentätern, die in meinen Augen einfach nur feige Schw**** sind!!!

Themenwechsel! Was gibt´s Neues? – Einiges! Ein Wochenende ist ins Land gestrichen und es stand mal wieder ein Ausflug an. Diesmal mit meinem Kollegen Kristopher (er sei an dieser Stelle erneut erwähnt!) und mit nem Rucksack vollgepackt mit Kamera, Lonely Planet, Zahnbürste und Reisepass (zum Glück!!!). Warum? erklärt sich später.

Nach einer echt stressigen Woche in der Schule, jeder Menge gehaltener Stunden und einer sehr kurzen Donnerstagnacht ging es Freitagmittag von Delhi nach Jaipur im Bundesstaat Rajasthan, ungefähr 300km südlich von Delhi gelegen. Die Strecke wurde wie immer mit dem Zug bewältigt, diesmal „nur“ 5,5h Fahrt für fuckin´ 290km!!!

Beinahe wäre der Zug fort gewesen, da ich es irgendwie vorzog nochmal eine Runde Mittagschläfchen zu halten, dann aber erst 1h vor Abfahrt aus dem Knick kam und vor mir noch der halbe Berufs-heimwärts-Verkehr Delhis lag. Yesss! Aber zum Glück gibt es noch kompetente Rickshawfahrer, die einen in 45min durch halb Delhi bringen und vor nichts halt machen, noch nicht mal vor der schwangeren Frau mit rohen Eiern im Gepäck! Hier kam es das erste mal auf – das besagte Indiana-Jones-Gefühl, als der Fahrer die Einfahrt zum Bahnhof verpaßte und auf einmal über eine Brücke fuhr, die so ewig lang war, dass man irgendwo anders rauskommen musste, nur eben nicht am Bahnhof. Aber wozu gibt es schon indische Verkehrsregeln? Richtig, um sie zu brechen! Und so ging es dann volle Kanne quer durch einen voll besuchten Markt mit allerlei Buden, wobei die Händler nur abwertende Blicke für unsere brüllende und stinkende Rickshaw übrig hatten. Umso cooler dann das Gefühl auf einen anfahrenden Zug aufzuspringen und die Dreckstadt Delhi hinter einem zu lassen.

Ok, wir mussten noch warten am Gleis, ganze 3 Minuten, aber da sich der Herr noch was zu trinken kaufen musste, klappte es dann doch noch mit dem springenden Indiana-Jones-Move auf den fahrenden Zug. Geile Sache! 😉

Naja, im Zug dann das übliche Prozedere – chillen, futtern, schlafen, quatschen – und um 20.30Uhr standen wir dann in Jaipur am Bahnhof. Ausgehungert, obdachlos und mit gerade mal 3000Rp. Taschengeld für zwei Personen. Warum? Herr Kollege K. hatte seine Geldkarte verlegt und war ohne einen Rupie in der Tasche losgefahren. Spitze, andererseits auch eine Herausforderung der besonderen Art. „Verbringt zu zweit ein Wochenende in einer fremden Stadt mit einem Gesamtbudget von nicht mal 50€.“ – das war unsere Aufgabe an diesem Wochenende. Dem Inder fällt das leicht, immerhin verdient ein Großteil hier nicht mal so viel im Monat, aber als verwöhnter Westler bedarf es dann doch einiger Raffinessen um damit klarzukommen. Auch 50€ sind hier schnell ausgegeben, vor allem wenn man sie auf zwei derartig bierwütigen Freßmaschinen wie Kristopher und mich aufteilen muss und der geschäftstüchtige Inder einen nahezu bei jedem Deal über den Tisch zieht!

Eine Unterkunft war dann das nächste Problem. Herr Kollege hatte nicht nur seine Geldkarte verlegt, Herr Kollege zieht es auch vor ohne Reisepass zu reisen. Und bei aller Korrektheit und Überwachungswahn hier in Indien – das Prozedere eines Hotel-check ins ist wirklich einmalig. Name, Anschrift hier, Anschrift zu Hause, Visumsnummer, gültig von/bis, ausstelende Behörde, Vatername (da steht bei mir immer nur Homer!) und was weis ich noch alles…
In der Herberge angekommen, wollte uns prompt das erste Hotel nicht nehmen, da Herr Kollege diese Unterlagen ja vergessen hatte. Im zweiten sollte uns das nicht mehr passieren. Clever, wie wir Deutschen ja nun mal sind, haben Kristopher und ich einfach die Identitäten getauscht und haben nacheinander eingecheckt. Natürlich mit ein und demselben (meinem) Pass, ledliglich ein paar verdrehten Zahlen und Buchstaben. Hat funktioniert, was aber wirklich nicht schwer war, denn der Typ an der „Rezeption“ war derartig kurzsichtig, dass er beim Kassieren den Schein fast im Mund hatte, so nah war er an seinem Gesicht. Als ihm sein Kollege dann die Treppen hinunterführte, war alles klar! Glück im Unglück und wieder eine Szene, wie sie Indiana Jones nicht anders hätte passieren können. 😉 Dann noch fix im benachbarten Restaurant die Kuddeln vollgeschlagen, ein paar Sätze mit einem Inder getauscht und ab in die Falle – Schlaf nachholen!

Den Tag darauf haben wir beide dann voll ausgekostet und nach einem langen Walk durch Jaipurs Straßen ging gegen Mittag erstmal nichts mehr. Schnauze voll, durchgeschwitzt! Die Stadt vermittelt einem echt den Eindruck irgendwo zwischen Neuzeit und Mittelalter zu stehen. Einerseits Pferdekarren und Handwerker so rückständig, wie ich es nur selten gesehen habe, andererseits Kaffeebars, Restaurants und Toyota-Jeeps, die sich neben brüllenden Bussen, Rickshaws und Fußgängern durch die Straßen quetschen. Fazit – massenhafter Dreck, Krach und Gerüche. Beeindruckend aber kein idealer Platz um das Wochenende zu genießen. Nach einigen Trinkpausen und einem tourimäßigen Fotostop am „Palast der WInde“ (kein Witz, das Ding heißt wirklich so, ist aber auch nur eine Luftnummer), entschieden wir uns für den City Palace, einer Sehenswürdigkeit mitten in der Altstadt, die man Pink City nennt, da hier einfach alle Häuser bei einem bestimmten Lichteinfall „pink“ leuchten, da sie aus irgendeinem rötlichen Schmadder gebaut wurden. Nicht wirklich sensationell, aber hey, man hat´s gesehen! 😉

Der Stadtpalast wurde dann doch großzügig ausgelassen. Der Grund war simpel – Unlust. Und irgendwann verlässt einen dann auch als Kunststudent das Interesse die Gemächer des Maharajas Soundso zu bestaunen. Ein was steht fest. Die ganzen Paläste sind mit Sicherheit nur so gut geworden, weil der Erbauer ein absolutes Arschloch gewesen sein muss und von seinen Arbeitern und Architekten alles abverlangt haben muss, was nur ging – auf Kosten der Angestellten eben. Bei der Arbeitsmoral, die mancher Inder hier an den Tag legt, braucht man sich auch darüber nicht wundern. Auch wenn ich diese Vorgehensweise um Gottes Willen für nicht akzeptabel empfinde!!! Aber anderes Land, andere Mentalität. Und auch bei den Zuständen der umliegenden Gebäude braucht man sich darüber nicht wundern – alles verfallen, irgendwie notdürftig repariert – kein Anzeichen irgendeines Korrektheitssinnes. Aber der Zweck wird erfüllt und das scheint hier nur zu zählen!

Jedenfalls hingen Kristopher und ich eine Weile am City Palace rum, haben mit ein paar Indern gequatscht, die nach ein paar Minuten immer irgendwas von einem haben wollten, oder irgendwelchen Plunder aufquatschen wollten. Nervig, aber im Schatten bei nem kalten Getränk nur halb so schlimm. Ein Rickshaw-Fahrer sollte uns dann für 400Rp. den Rest des Tages überall hinfahren, wo wir nur wollten und so ging es dann erstmal raus aus dem schön stickigen Jaipur, über die Landstraße nach Amber, wo ein recht imposantes Fort steht, das mitten in einem Bergmassiv steht und von wo man einen fantastischen Blick nach Rajasthan hat. Der Bau ist zudem so dermaßen verschachtelt, dass man echt wieder Indiana-Jones-Gefühle bekommt, wenn man darin herumklettert. Die Sicherheitsleute vor Ort halten einen dann aber schnell davon ab wie Indy an seiner Peitsche durch die Hallen zu schwingen. Trotzdem sehr geil, aber auch anstrengend – vor allem der Aufstieg!

Wieder draußen ging es dann auf den Vorplatz der „Burg“, welche eine riesige Festungsmauer hat, die der chinesischen Mauer in Miniatur ähnelt. Hier kann man schön rumklettern, was ich mir nicht hab nehmen lassen. Der Aufstiegt hat mich dann wieder ordentlich Puste gekostet, aber der Blick war es volle Kanne wert. So schön und ruhig von da oben auf die Kleinstadt und das Fort zu schauen – atemberaubend!

Der Abstieg ging dann recht fix und unten wartete Kristopher mit irgendeinem Gebräu, das die Inder „Lohri“ nennen. Irgendeine Mischung aus Minze, Zitrone, Wasser, Gewürzen, Salz und allem möglichen Straßendreck warscheinlich – supergesund, laut Aussage des „Barkeepers“, supereklig in meinen Augen und superspaßig in den Augen der Inder, die unsere verekelten Gesichter belachten. Noch ein netter Plausch mit den „Eingeborenen“ und dann ging es weiter zum nächsten Fort, dem sog. „Tiger Fort“. Der Name ist Programm, aber nicht etwa wegen der vielen Tiger, die man hier sieht, sondern wegen der Tatsache, dass hier alle „Tiger fort“ sind. (Wortspiel, geil wa?) Die Befestigung liegt direkt über der Stadt Jaipur und man hat einen grandiosen Ausblick auf sie. Der Klang einer Stadt von oben ist einfach krass. Man hört echt alles. Menschen, Autos, Tiere, Maschinen, Musik. Aber so schön gedämpft, dass ich mir hiernach nur zu gerne Oropax implantieren lassen würde. Voll ruhig und entspannt stand ich da, bis auf einmal ein Affenpärchen ankam und der Macker mit seinen „geschwollenen Eiern“ schon von weitem signalisierte, dass jetzt er hier mit seiner Liebsten abhängen will. Ok, da stört man besser nicht und verdrückt sich. Respekt geht halt vor und lieber vom Affen vertrieben als vom Affen gebissen! (Noch so´n geiles Wortspiel!!!) Das Fort selber ist weniger sehenswert, total verfallen und vermüllt von den Touristen, die hier ein- und ausgehen, schade, aber es hat an diesem Tag auch gereicht.

Zurück in Jaipur ging es dann direkt ins Hotel und dann direkt zum Essen fassen in unserem „Stammlokal“ über den Dächern der Schmuckmärkte (Jaipur ist voll davon und überall versucht man einem irgendwelchen Glitzerkram „very cheap“ aufzuquatschen, Echtheit nicht garantiert, dafür „cheap cheap!“) Dann noch zwei Bierchen in zwei verschiedenen Bars und dann ab in die Heia.

Sonntag war dann ursprünglich als Ruhetag geplant, der dann ruhiger wurde als gedacht. 13.45Uhr sollte unser Zug von Jaipur nach Delhigehen, so dass wir kurz vor 8Uhr wieder zu Hause sein sollten. Fehlanzeige! Mit satten 5h Verspätung, völlig ausgebrannt und pleite kamen wir dann kurz nach Mitternacht in Delhi an. Die indische und die deutsche Bahn nehmen sich halt doch nicht so viel. Dafür war die Zugfahrt dann doch entspannter, da wir beide einfach nur noch auf „Durchzug“ geschalten hatten und einschliefen als der Zug losrollte. Interessanter dafür die Beobachtungen am Bahnhof von Jaipur. Ich hätte ja viel von den Indern erwartet, aber dass Menschen sich in der Öffentlichkeit derartig schweinisch benehmen können – unglaublich. Okay, die Situation fünf Stunden zu warten ist Stress pur – keine Frage. Aber das legitimiert noch lange nicht das Benehmen, dass mancher Inder an den Tag legt. Ich halte mich kurz – der Inder verrichtet alle seine Geschäfte (klein UND groß) oft und gerne zwischen den Gleisen am Bahnhof. Es gibt Toiletten, welche aber nicht genutzt werden. Der Inder bohrt auch gerne in allen Körperöffnungen rum, die er so hat. Zähle ich meine, so komme ich auf insgesamt 8, wo mein Finger reinpasst, wo ich ihn aber nicht gerne überall reinstecke. Anders da der Inder. Ich habe mich mit der Freestyle-Hintern-Abwisch-Methode abgefunden, aber die Prozeduren des Juckens, Bohrens und Kratzens mit allen Mitteln und an allen Stellen kann ich in der Öffentlichkeit nicht verstehen. Will ich auch nicht, denn einerseits trinkt der Inder nicht aus einer Flasche, weil er sich vor dem verdreckten Flaschenhals ekelt. Statt dessen kippt er sich das Trinken in den Mund aus geringer Höhe, andererseits wäscht er sich nach dem öffentlichen Toilettengang nirgends die Hände, obwohl es Wasserhähne und andere Waschmöglichkeiten zur Genüge gibt und es mehr als Gewiss ist, dass nicht nur „Frühlingsfrische“ an indischen Händen kleben bleibt. Und dann immer dieses Händeschütteln, wenn sie einem Weißen gegenüber stehen. Nach diesen Bildern halte ich mich zukünftig dezent zurück. Incredible (disgusting) India, einmal mehr!

Seit gestern steht dann wieder Schule auf dem Plan. Die letzte Woche mit großen Vorhaben in punkto Unterrichtsstunden vorbereiten. Kommenden Donnerstag beginnen hier die Oktoberferien und ich mach mich auf nach Nepal – zum „Traumerfüllen“! 🙂 Die Woche wird also gut stressig und nachdem ich gestern und heute gut unterrichten durfte, ist morgen der Vietnamkrieg in Klasse 10 dran. Steckenpferdthema für mich, dafür umso mehr Input für die „lieben“ Kleinen…

Ich machs kurz: das kommende Wochenende wird in Delhi verbracht. Es gibt jede Menge Erledigungen für die kommenden Wochen zu machen und Mahatma Gandhis Spuren habe ich immernoch nicht gefunden. Wenn ich sie gefunden habe, dann lest ihr es aber als erste hier.

Bis dahin, stay tuned!

Die Galerie der vergangenen Tage wie immer >> HIER <<

Euch allen eine schöne Woche!

Michael

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2 Antworten to “Mit Lederhut und Rinderpeitsche…”

  1. Vatername: Homer 🙂 Sehr geil!

    Mensch Mikka, ich schlage vor, Du wirst Autor. Dein Blog liest sich wie ein Buch, so ausführlich sind die Berichte jedesmal. Weitermachen!

    Viele Grüße aus Augschburg. Verzweifel grad an meiner Hausarbeit. Gnaaa.

    lg, Pat

  2. huhu 🙂

    also ich kann paddy nur zustimmen. dat liest sich sooo schön – ein gefühl – wie dabei gewesen.

    ich wünsch dir an dieser stelle auch gleich alles liebe zu deinem geburtstag und weiterhin viel spaß.

    lg von der stephi aus lh

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