Ladies and Gentlemen, it´s time for CHANGE!

Genau so schaut´s aus. Die Welt ist im Wandel, politisch, gesellschaftlich, klimatechnisch – alles verändert sich. Während die USA nun endlich ihren schwarzen Präsidenten gewählt haben, die Wirtschaftskrise nun auch deutschen Autobauern ordentich zusetzt und Dubai mit der Eröffnung seiner ersten „The Palm“-Insel gut 100km mehr Küsenlinie verzeichnen kann, so hat sich auch binnen einer Woche bei mir einiges verändert. Dass mein Auslandsaufenthalt nicht gänzlich frei von Veränderungen bleiben würde, war mir von Anfang an klar, dass es aber noch so gravierende Veränderungen gibt, hätte ich selber nicht geahnt. Aber wie immer alles der Reihe nach.

Nach dem letzten Eintrag hat es mich das erste Mal so richtig gesundheitlich flachgelegt. Man sagt ja, dass man erst so richtig in Indien war, wenn man einmal ordentlich Dünnpfiff während seines Aufenthatltes hier hatte. Ich kann mich nun also unter die Glücklichen zählen, die „wirklich“ hier waren, der harte Kern sozusagen, fernab von Inter Continental und Mc Donalds. 😉 Ich will euch hier weitere Details ersparen, in jedem Fall habe ich am vorvergangenen Mittwoch nach der ersten Doppelstunde die Segel in der Schule streichen müssen, da mich irgendein fieser Virus heimgesucht hat. Den Rest des Tages verbrachte ich damit mich regelmäiß oben- oder untenheraus zu „entleeren“, nicht unbedingt angenehm, aber immerhin ist der Virus so schnell gegangen, wie er gekommen ist und nach ordentlich Medizin aus Mutters Hausapotheke war diese Tortur schnell überstanden. Die These, dass nur wirklich indische Medikamente auch gegen indische Erkrankungen helfen ist somit entkräftet! Resultat: „2 Tage war der Micha krank – jetzt säuft er wieder, Gott sei Dank!“ 😉

Das letzte Wochenende stand wieder einmal im Zeichen eines Wochenendausfluges. Wer immer fleißig liest, wird wissen, dass es Alex und mich am vorvergangenen Freitag nach Varanasi gezogen hat, jener Stadt Indiens, die wohl mit am klischeebehaftetsten ist, durch welche der Ganges-River fließt und die tagtäglich Pilgerort für über 60000 gläubige Hindus ist… und in den auch tagtäglich die Asche von ca. 300 toten und verbrannten Hindus gestreut wird. Incredible India? – Einmal mehr nur zu treffend für dieses unglaubliche Land. Und was hier abging war schlicht und ergreifend „even more incredible“…

Freitag Nachmittag ging es los, per Rickshaw zur New Delhi Railway Station, das Gleis gesucht, eingestiegen und dann erstmal hingeworfen zum Nachmittagsschläfchen und zum „Pensumauffüllen“ der kurzen Nächte aus den Tagen davor. Das Drängeln der Inder an den Stationen des öffentlichen Personennah- und Fernverkehrs begeistert mich immer wieder und mittlerweile haben auch meine Ellenbogen eine derartige Hornschicht aufzuweisen, dass ordentlich „Buffe“ für jeden Inder drin ist, der meint sich vordrängeln zu müssen. Im Ernst, in Indien herrscht eiskalt die Devise „Du oder ich!“ und in Angesicht der Tatsache, dass die zweite Klasse in indischen Zügen permanent überbucht wird, so dass Passagiere nicht selten auf dem Zugdach mitreisen und zwischendrin irgendwo abspringen, wenn sie meinen ihrem Ziel nahe genug zu sein (oder vielleicht auch nur „runterfallen“ oder an Tunneleingängen „kleben bleiben“), diese Tatsache hat warscheinlich auch auf die Luxus-Holzklasse abgefärbt, in der wir als verwöhnte Westler nur zu gerne reisen und so wird immer und überall gedrängelt, gestoßen, gezogen und natürlich gebrüllt was das Zeug hält.

Die Fahrt erstreckte sich jedenfalls auf geschlagene 14h und das für die ganzen 800km Hinweg. Unglaublich, aber da das indische Schienennetz in einem derartig veralteten Zustand ist, was dem technischen Stand der Dinge von 1950 entspricht, lässt die örtlichen Gegebenheiten nur zu gut nachvollziehen. Allein die Ausstattung der Bahnhöfe ist mehr als katastrophal. Der Fäkaliengeruch ist mittlerweile zur Gewohnheit mutiert, aber die Tatsache, dass Ratten zwischen schlafenden und ruhenden Indern umherspringen, ja teilweise sogar auf den Schlafenden hocken, das läßt mich stark ekeln und in irgendeine Ecke verziehen, von der ich meine hier „sicher“ zu sein, solange ich auf den Zug warte. Abart!

Jedenfalls war gegen 8.30Uhr am kommenden Samstag Ankunft in Varanasi (geplant war trotz pünktlicher Abfahrt 6.05Uhr!!!). Ausgecheckt aus dem Bahnhof ging es via Fahrrad-Rickshaw in Varanasis Altstadt, welche ein wichtiges Zentrum der hinduistischen Glaubenskultur ist und wo man selbst ohne Voranmeldung und Reservierung und der bereits angesprochenen 60000 Pilgerer täglich ein komfortables Doppelbettzimmer mit Gangesblick für umgerechnet 5€ bekommt. Hier also schnell eingebucht und dann gleich ans Ufer des heiligen Flusses. Der Weg dorthin war jedoch nicht gänzlich „gefahrenfrei“. Varanasi ist dreckig – und wenn man in Indien das Wort „dreckig“ verwendet, dann meint es garantiert nicht „dreckig“ in unserem Sinne, sondern kann alles zwischen weggeworfener Bananenschale und Pest sein, ungelogen. Nachdem 1997 das letzte mal die Pest in Delhi gehaust hat (Quelle= Praktikumsbericht einer meiner Vorgänger an der DSND), dürfte die nächste Epidemie in Varanasi kurz bevorstehen, so zumindestens mein Eindruck. Überall Fäkalien, gepaart mit massenhaft Ratten, Tauben, Hausmüll, Geschäftsmüll, dazwischen Nutzvieh, Ziegen und Hunde én masse. Dazwischen immer wieder urinierende, aber auch betende, badende und widerlicherweise permanent „gurutal rotzende“ Inder (dieses lustige „Guten-Morgen-ich-reinige-meine-Nasennebenhöhlen-Geräusch“ wird noch lange in meinem Ohr klingen…), die das ganze schön schmutzig halten. „Gott gibt, also nimmt Gott auch wieder zurück!“ – so das Lebensmotto vieler Inder. Mir ist es daher auch nicht länger verwunderlich, dass die meisten Inder schnell mal ihre große und kleine Morgentoilette am Straßenrand verrichten, oder mal eben noch ein „Päckchen abschicken“, bevor sie in den Bus steigen. Für uns einfach nur eklig, hier normal, immerhin ist die Dorfbevölkerung dieses Verhalten seit eh und je gewohnt. In den Ballungszentren dafür ist der Kreislauf allerdings nicht der Gleiche, so dass eben alles schön vor sich hinfault und stinkt. Außerdem ist Sauberkeit in Indien sehr teuer (Deo, Duschbad, Shampoo etc. erzielen zum Teil Preise von 6-10€) und auch nicht überall erhältlich. Die persönliche Hygiene ist für uns Durchschnittseuropäer dafür umso wichtiger und man sollte schon sehr darauf achten, immerhin sind Keime und Bakterien hier doch von einem anderen Schlag als in „Sagrotan-Country Germany“.

So, genug der weisen Worte! Weiter im Geschehen… 😉

Angekommen am Ufer des Ganges begaben Alex und ich uns auf eine Uferwanderung entlang der Ghats, welche nichts anderes sind, als gestufte Uferbefestigungen, wo den Hindus der Zutritt zum heiligen Fluß ermöglicht wird. Und hier spielen sich massenhaft für uns skurile Szenen ab. Betende Hindus, nebst badenden Kindern. Fünf Meter daneben wäscht jemand seine Wäsche, daneben pinkelt einer sein heiliges Wässerchen ins große heilige Gewässer und nochmal 3m weiter steht ein Rind bis zum Kopf im Ganges. Auf dem Wasser massenhaft schwimmende Dia´s (kleine Blumenschiffchen mit Lichtern drauf, welche die Hindus und so mancher Touri ins Wasser setzen und einen Wunsch damit auf die Reise schicken), immer mal wieder eine Müllinsel, dann Boote und hin und wieder ein Schwimmer, der ans andere Ufer des Flußes schwimmt und zurück.

Wer das liest, wird ein was vermissen, was uns Durchschnittseuropäern in den Sinn kommt, wenn wir Varanasi und Ganges in Kombination hören – die Leichenverbrennungen! Varanasi ist der Ort, an dem die Hindus zu sterben wünschen, bzw. wo das größte Glaubensritual eines Hindus stattfindet – die Verbrennung seines Leichnams und die anschließende Asche-Verschüttung in die Fluten des Ganges, woraufhin man sich eine Wiedergeburt als ein anderes (besseres) Wesen erhofft, wobei der Mensch schon als höchstes Wesen angesehen wird. (Nein, es ist nicht die „heilige Kuh!) Der als „Samsara“ bezeichnete Prozess verheißt eine ständige Wiedergeburt. Gott bestimmt das Wesen, der Hindu findet sich damit ab und durchlebt sein Leben als „gottgegebenes Wesen“ – fertig. Am Ganges in Varanasi ist dann das Ende dieser Reise, die sich „Leben“ nennt und der Hindu wird für einen Beitrag von umgerechnet 100€ mal eben nebst meckernden Ziegen, muhenden Kühen und Straßenhunden eingeäschert. (+/- ein paar Euro, denn es hängt vom gekauften Holz ab, welches nur vor Ort zu erwerben ist und wovon man je nach Statur des Toten unterschiedlich viel benötigt)

Dieses Ritual ist aber nicht allgegenwärtig, sondern findet ausschließlich an zwei bestimmten Ghats statt. Einem größeren und einem recht kleinen, ca. 2km auseinander gelegen. Trotz aller Öffentlichkeit dieser Zeremonie, legt man doch großen Wert auf eine gewisse Pietät bei diesem letzten Akt, bevor sich das Spiel „Leben“ wiederholt. – Keine Fotos, bitte! Zumindestens von den Umherstehenden. Für indische Verhältnisse vermutlich ein Höchstmaß an Ehrfurcht und Respekt – immerhin ist die ganze Situation umgeben von gaffenden Indern aller Glaubensrichtungen, erstaunlich wenigen Touristen (wie fast überall in Indien bisher), Getränkeverkäufern und gerissenen Straßenverkäufern, die einem gleich mal ein bischen „Ganja“ anbieten, während man den Körper eines Verstorbenen „brutzeln“ sieht. Wer es unbedingt braucht und wenn er noch „Glück hat“, findet man vielleicht auch einen Hinterbliebenen, der einen an die Feuerstelle des ehemaligen Familienmitglieds holt und gegen ein Trinkgeld hat man dann als Westler auch sein Erinnerungsfoto nebst brenneder Leiche. Echt makaber, aber der Hindu sieht das alles anders. Man glaubt, dass der Tote es nun besser haben wird. Und warum also nicht einen Außenstehenden an der Zeremonie teilhaben lassen? Vielleicht auch ein Grund warum man den ein oder anderen Brandbeschleuniger ins Feuer gießt, damit der Tote recht schnell verbrannt ist und man sich wieder dem Tagesgeschäft widmen kann. Keine Totenfeier, keine Andacht, zumindestens nichts öffentlich ersichtliches. Lediglich der älteste Sohn muss herhalten: ihm werden die Haare abrasiert und er wird in ein seidenes Gewand gehüllt. Mit einem brennenden Reisigbusch in der Hand läuft er 5 mal um den toten Vater oder die tote Mutter, bevor er den Holzhaufen mit aufgelegter Leiche (verhüllt in ein Leinentuch) anzündet. Brennt der Haufen, ist man schnell wieder von dannen gezogen, den Rest erledigen „Helfer“ am „Burning Ghat“. Für uns Europäer absolut unfassbar, für den Hindu einer der Lebenshöhepunkte. (Schade, dass er selber nicht allzuviel mehr davon hat… 🙂 ) Ich fands superspannend, aber zugegeben schon recht krass und hin und wieder habe ich auch mal weggeschaut, wenn ein Haufen in sich gesackt ist und man mal eben einen männlichen Oberschenkelknochen samt Kniegelenk in den Flammen sieht. Übrigens, Frauen haben keinen Zutritt zur Verbrennung. Der Grund ist simpel: so manche Hinterbliebene hat sich schon in den Scheiterhaufen geworfen, als sie ansehen musste, wie ihr Ehemann da mit flüssiger Butter beträufelt in den Flammen verbrannte. Sollte der Verstorbene jedoch keinen Sohn haben, oder auch gar keine Kinder, dann gilt die Ausnahme, welche ich auch beobachten konnte. Die Frau durfte „anzünden“, wobei sie wirklich mit den Nerven am Ende schien und nur mit Stütze das Ghat verlassen hat. Sie war schlichtweg mit den Nerven am Ende, was für uns warscheinlich eher nachvollziehbar ist, als die Handhabe manch anderer vor Ort. Ich konnte Hindus beobachten, die während der Verbrennung noch eine kurze Zeit neben dem Feuer standen und telefonierten, oder laut lachten. Am krassesten war jedoch ein Hinterbliebener, der direkt neben dem „Burning Ghat“ sein Mittag einnahm – Leichenschmaus einmal anders… Für uns unvorstellbar, hier aber ein alltägliches Schauspiel. Man stelle sich ein solches Verhalten bei einer Urnenbeisetzung vor!

Nach diesem krassen Spetakel ging es dann weiter am Ufer des Ganges und hinein in die Altstadt, wobei diese nur aus engen Gassen besteht, in denen sich wirklich das gesamte Leben der Stadt abspielt (von den neueren Stadtteilen mal abgesehen). Auf einer „Straßenbreite“ von ca. 1,50m häufen sich Wäschereien, Nähereien, kleine Restaurants, Teestuben, Souvenirgeschäfte, Bekleidungsgeschäfte etc. etc. – und immer wieder „Gegenverkehr“ in Form von Kühen, Mopeds und Straßenhunden… und Menschen natürlich!

Nachdem wir also so durch die Straßen geschlendert sind, ging es zurück ans Ufer des Ganges, wo wir am Abend eine Bootstour machten, die uns den ganzen Weg entlang der Ghats zu unserem „Hotel“ führte. Typisch indisch rudert dabei natürlich ein Inder eine mehr oder weniger wassereste Nusschale entlang der Ghats, welche im Dunkeln richtig spektakulär aussehen. Überall leuchtet, blitzt und scheppert es. Das Flußufer scheint echt 24/7 belebt zu sein. So auch gegen 20Uhr, nach Sonnenuntergang. Ein kurzer Halt wurde an einem Ghat gemacht, an dem sich die Boote nur so ineinander „parkten“. Es gibt allabendlich eine Zeremonie, wo sich ein Großteil der pilgernden Hindus trifft und gemeinsam betet. Wirklich spannend war das zwar nicht, da ich nichts von dem Gesprochenen verstanden habe, aber die Rituale ähneln doch sehr dem Christentum, wenn Mürre und Weihrauch unter die Leute genebelt wird. Im Varanasi stehen dafür 5 Hindus auf einer Bambusbühne und wedeln im Gleichtakt und synchron mit ihren Händen durch die Luft, nehmen später einen „Kerzenbaum“ (ungefähr von der Form eines kleinen Weihnachtsbäumchens) und führen ihn durch die Luft. Dazu Trommelmusik, Gesang und betende Hindus. Der Massenauflauf war nicht schlecht, zumal sich die Prozedur sich auf über eine Stunde zieht und bei uns so manchen Christen schon die sonntägliche Andacht einschlafen lässt. In Varanasi macht man das morgens um 6.30Uhr und abends um 19.30Uhr.

Nach dieser Zeremonie ging es dann noch einmal an den „Burning Ghats“ vorbei und nach so viel „Gebratenem“ gab es direkt im Anschluss ein ordentliches Abendessen auf der Terrasse unserer Herberge mit direktem Blick auf den nächtlichen Ganges. Mehr war nicht drin, immerhin waren wir seit dem Vortag unterwegs und wirklich gut schlafen konnten wir im Zug beide nicht, was an den schnarchenden Indern im Abteil gelegen haben muss. 😉 Tzzzzzzzzz….

Sonntagmorgen: 5.30Uhr – der Wecker klingelt. Herr A und Herr M maulen gleichzeitig um die Wette, wer zuerst aufstehen muss. 6.00Uhr – der Wecker klingelt erneut. Herr A schält sich aus der Falle, Herr M bleibt liegen und steht verspätet um 6.15Uhr auf – an einem Sonntag! Der frühe Vogel ist echt ein Kunde, der mich langsam aber sicher mal kann. Jedenfalls ging es im Morgengrauen wieder ans Ufer und direkt in ein Boot, welches wieder entlang der Ghats schipperte. Auffallend diesmal – es waren wesentlich mehr betende und sich badende Hindus am Ufer, wobei die morgendliche Waschung nochmal interessanter ist. Irgendwie war die ganze Stimmung derartig mystisch, dass man streckenweise dachte in irgendeinem Abenteuer-Film zwischeneparkt zu sein. Der Hindu steht bauchnabeltief im Wasser und betet. Dann ein paar Mal kurz untertauchen und ein paar Becher Gangeswasser übers Haupt geschüttet und dann geht er direkt zur Morgentoilette über – in gleichem Gewässer natürlich. Zähneputzen, Einseifen und dann raus aus dem Ganges. Wirklich interessant, denn man sieht wie die Inder diesen Fluss wirklich für alles Alltägliche in Anspruch nehmen. Vielleicht auch ein Grund, warum der Fluss so schön braunes Wasser an dieser Stelle führt. 😉

Nach der Bootsfahrt dann ein ausgiebiges Frühstück am Ufer und danach  noch ein Ghat-Stadt-Schlenderer, bei dem man sich wirklich schön verlaufen kann, denn eine Gasse ähnelt der anderen nicht nur optisch, sondern auch in ihrer „Ausstattung“, sprich in Form von entgegenkommenden Kühen, Dreck, Kuhfladen, Kindern, etc. Da verliert man fix mal die Orientierung und läuft sich dann einen Wolf. Zum Glück wusste immer einer den „richtigen“ Weg. Dann noch ein zweistündiges Power-Napping im Zimmer und dann hieß es auch schon fast wieder abreisen. Aber auch nur fast. 18.35Uhr sollte der Zug zurück nach Delhi gehen. Da man aber immer mit Verspätung rechnen muss, haben wir uns ein Zeitfenster von 4h gelassen. Ankunft in Delhi sollte am kommenden Morgen um 7.45Uhr sein. Angekommen am Bahnhof dann die Hiobsbotschaft. Verspätung, was an und für sich nichts Ungewöhnliches mehr ist! ABER: Aus 18.45Uhr wurde 22.45Uhr. Aus 22.45Uhr wurde 0.45Uhr und aus 0.45Uhr wurde letztlich 2.30Uhr bis wir endlich im Zug saßen und zurück nach Delhi fahren konnten. Das Zeitfenster war somit völlig gesprengt und der nächste Tag war somit schon vergeigt, ehe er richtig angefangen hatte. Grund genug also mal in der Schule bescheid zu sagen, dass am Montag der Unterricht ohne mich stattfinden muss und die Erwartung eines Anschisses, wenigstens aber einer Belehrung. Aber: NICHTS! Ulrike sagte nur ganz lässig, dass das passieren kann und man schon Ersatz finden würde. Ich solle auf mich aufpassen und mich melden, wenn ich wieder da bin. Danke, Ulrike! Hier spricht warscheinlich jahrelange Erfahrung… 🙂 Grund genug und vor allem Zeit um noch etwas zu unternehmen im dunklen Varanasi. Aber was? Glücklicherweise tummelt sich um Indiens Bahnhöfe immer ein recht buntes Treiben und so ging es zunächst zum Frisör um sich kaiserlich den Gesichtsbären abrasieren zu lassen, dazu eine Kopf- und Nackenmassage für 15Rp. (25Cent). Danach ging es in ein Hotel, wo sich die feinen Herren noch ein Bierchen gönnten und versuchten irgendwie die Zeit totzuschlagen. Und irgendwann geht auch die vorbei und als wir dann endlich im Zug waren, ging es auch direkt ins Traumwunderland, welches ich erst am kommenden Mittag 13Uhr verlassen habe. Richtig, ich habe noch nie derartig tief in einem Zug geschlafen. Alles um mich herum war egal wie ein umgefallener Sack Reis in China. Hauptsache schlafen. Jedenfalls trullerte auch der langsamste „Poorva Superfast Express“ aller Zeiten irgendwann gegen 18.30Uhr in New Delhi ein. Unglaublich diese Verspätung und ein Tag, der mehr als für die Katz war. Außer einem Abendessen beim Chinesen ging dann wirklich nicht mehr viel, was mich aber nicht davon abhalten sollte nochmal meine Mails abzurufen.

Warum ich das jetzt schreibe? Weil es direkt im Anschluss eine richtige Hiobsbotschaft gab, die den eingangs angesprochenen „Wandel“ auslöste.

Post aus Singapore von der GESS, meiner zweiten Assistenzschule.  Die ersten Zeilen verhießen nichts Gutes, eher im Gegenteil. Absage! Nach über einjähriger Planung und Organisation hat man sich kurzerhand entschieden, dass die derzeitig angestellten Assistenzlehrer bleiben und noch den Zeitraum meines geplanten Aufenthaltes abdecken werden. Fuck! Zumal bis zum kommenden Tag eine Reservierung des Fluges ausstand, wodurch sich die Sache noch unangenehmer gestaltete. Jedenfalls war es mal wieder an der Zeit Nägel mit Köpfen zu machen und nach mehrfachem Hin und Her mit Singapore gab es noch die Alternative Shanghai, welche jedoch Assistenten für die Förderschule suchte, was zwar auch auf mein Profil gepasst hätte, aber nicht unbedingt im Interessenfeld meines Praktikums gelegen wäre. Umso erfreulicher und entlastender dann am kommenden Tag mein Mentoren-Notstands-Gespräch. Nach Schilderung der Tatsachen fragte man mich, ob ich denn nicht Lust hätte um 3 Monate zu verlängern. Man bräuchte mich unbedingt und da ich „eingearbeitet“ sei, wäre es eine umso größere Erleichterung auch bei der Planung des zweiten Halbjahres, wenn ich im Boot bleiben würde. Die Entscheidung darauf fiel mir nicht schwer, wie man sich unschwer vorstellen kann. So schnell kanns also manchmal gehen. Heute knallt eine Tür zu, dann öffnet sich eine andere und der Weg ist wieder geebnet. Glück im Unglück sozusagen, immerhin hätte ich aufgrund meiner Beurlaubung in Leipzig auch nicht wirklich was für die Uni machen können.

Der Plan der kommenden Monate sieht demnach also komplett anders aus. Am 23.12. gehts erstmal nach Hause für Weihnachten. Dank meines 600€-Cashgutscheins der Lufthansa gehts am 10.Januar wieder ins versmogte Delhi, wo ich noch bis 27.3.09 arbeiten werde. Da Wonni ja nun definitiv am 1.2.09 nach Brisbane geht zum Studieren, geht es auch bei mir am 27.3.2008 nach Australien. Soweit sind erstmal alle größeren Probleme gelöst und das kommende 3/4-Jahr hat sich somit im Expresstempo ergeben! Wenn´s nur immer so einfach wäre… In jedem Fall werden dann anstelle von 4 Monaten Singapore nochmals 3 Monate Indien und im Anschluss knappe 5 Monate Down Under auf dem Plan stehen. Wie´s in „Oz“ aussehen wird? Keine Ahnung – kommt Zeit, kommt Rat, kommt Attentat! Ich habe die letzten Tage gelernt, dass sich manchmal trotz aller Zusagen und Bestätigungen Dinge ganz anders ergeben. Die Gründe sind dabei nicht immer ganz nachzuvollziehen, bzw. nur von einer Seite zu verstehen. Einerseits ärgere ich mich natürlich über die Absage aus Singapore, weil sie doch recht plötzlich und unerwartet kam, andererseits freue ich mich riesig über die Chance hier in Delhi und über die Tatsache 2009 eine schöne Zeit mit Wonni in Australien zu haben. Außerdem weiß ich, dass man mich hier wirklich braucht und ich nicht als 5. Rad am Wagen agieren werde, wie vielleicht an manch anderer Schule. Und außerdem sind die Kontakte nach Australien in den letzten 4 Jahren auch nicht eingeschlafen, so dass sich auch jobtechnisch dort etwas ergeben wird und die Kohle für unseren Rundtrip im Juni/Juli/August verdient werden kann (sehr zur Entlastung von meinen bisherigen Finanzierern… 😉 ).

Bis dahin bleibt mir aber noch genügend Zeit hier alles anzusehen und vor allem hier weiterzuarbeiten. Demnach wurde auch der Reiseplan wieder etwas gelockert. Nach Varanasi brauche ich jetzt echt erstmal wieder Ruhe zum Stunden planen und nicht zuletzt zum Schlafen. Rechnet man die Zugfahrt von Varanasi nach Delhi ab, so waren es zwischen Dienstag und Freitag geschlagene 15h Schlaf. Das liegt aber nicht zuletzt an den ganzen Empfängen und Parties, die hier im Moment in Delhi steigen und auf die man immer durch irgendeinen Zufall kommt oder eingeladen wird. Dienstag Abend gings los – eine recht große indische Hotelkette (Schleichwerbung) hatte zum Empfand geladen. Mit dabei die Vertreter der deutschen Kammer, welche ja im gleichen Haus wie die Schule sitzen und wo man sich nur zu gut kennt. Das Bankett suchte seines Gleichen. Hummer, Garnelen, Austern, Champagner, Kirschkuchen (richtiger!!!), indische Spezialitäten, Lachs-/Schinken-/Thunfisch-Häppchen, Cocktails vom Feinsten und in Massen. So große Massen, dass man mich vom Bankett rollen konnte. 🙂

Mittwoch dann die einzige Nacht mit ausgewogenem Schlafverhalten. Donnerstag dann vielleicht eines der Highlights der letzten Monate. Staatsempfang in der deutschen Botschaft, persönliche Einladung vom Botschafter Mützelburg und eine Wirtschaftsdelegation aus Deutschland. Mit dabei u.a. Michael Sommer (Bundesgewerkschaftsvorsitzender) und SPD-Kanzlerkandidat und Bundesaußenminister Steinmeier. Nach einer kurzen Rede vom Botschafter und des Außenministers dann Gespräche auf Du-und-du mit allen Vertretern der Botschaft, der Delegation und der Schule, welche ja auch eine wichtige Rolle spielt, wenn es um die Lukrativität Delhis/Indiens als deutscher Unternehmensstandort geht, und wenn man Firmen und deren Angestellte im Subkontinent ansiedeln will.

Wohin also mit den ganzen Kids der Firmenangestellten? Richtig, in die Hände der DSND und somit in die Fänge des berüchtigten Herrn L. Und daher auch die Einladung. Zudem ist das Verhältnis der Schule zur Botschaft ein ausgezeichnetes und man trifft sich gerne auf einen gemeinsames Gespräch, Käffchen, manchmal auch auf ein deutsches Bierchen. Beim Mittagessen in der deutschen Botschaft ist es dann auch passiert. Nach mehreren Handschlägen mit den verschiedensten Leuten (u.a. dem Botschafter von Afghanistan, der im Taxi ankam, während alle anderen Botschafter, Minister und Co. mit den teuerste Edelkarossen vorfuhren), stand Herr Steinmeier dann direkt vor mir und schaute mich an. Nachdem er mich nach meinem Namen gefragt hatte,schüttelten wir uns die Hände und kamen ein wenig ins Gespräch. Thema: (was sonst) die deutsche Schule und meine Funktion. Trotz der Tatsache, dass ich als Praktikant (ich hab immer die fachlich korrektere Bezeichnung „Assistenzlehrer“ vor ihm genannt 🙂 ) warscheinlich der kleineste Fisch im großen Teich war, war unser Außenminister wirklich sehr aufgeschlossen und sehr sehr freundlich. Am schönsten war aber das gemeinsame Anstoßen mit echtem Krombacher Pilsener, wo mir deutlich wurde, dass er trotz aller Bekanntheit auch ein Mensch wie du und ich ist, der auch gerne mal ein Bierchen zum Mittag trinkt. Noch ein Erinnerungsfoto für Fränkies Indienalbun und eins für die Presse, dann musste ich ihn stehen lassen, da das Buffet eröffnet wurde. 😉 Auch hier wieder – lecker Essen und Trinken for free. Das gleiche Spiel am Abend – Steinmeier und Co. waren zu einem Empfang in der Handelskammer geladen. Auch wenn sie nicht kamen (Steinmeier ist z.B. am gleichen Tag noch nach Bangalore geflogen), gab es auch hier wieder Häppchen und Getränke bis zum Umfallen, und das bevor das eigentliche Buffet eröffnet wurde. Am Freitag habe ich dann den Hattrick geschafft – „ Deutsches Bier- und Weinfest“ in der Schule, in Kooperation mit der Kammer. Auch hier wieder ordentlich Mampfe und Getränke, diesmal aber deutsche Kost vom Feinsten (Schnitzel, Bratwurst, Maultaschen, Schwarzwälder Kirschtorte (Blackforrest Cake), deutsches Bier, deutscher Wein). Gestern Abend dann schon wieder das gleiche Spiel – so langsam wird’s eintönig. 😉 Aber was man halt geboten kriegt, nimmt man auch gerne mit. Der heutige Sonntag gestaltete sich dann dementsprechend etwas ruhiger. Ausschlafen, ein paar Stunden vorbereiten und dann erstmal raus in den sonntäglichen Rummel in einem von Delhis vielen Parks – diesmal Lodi Garden. Hier befinden sich zwei kleinere Tombs (Ruinen), welche aus dem 16.Jh. stammen und perfekte Motive für S/W-Fotografien liefern. Also Kamera umgeschnallt und rein ins Gewimmel in und um die Tombs, welche sonntags von Familien und anderen Grüppchen zum Picknick, Fußball, Cricket und einfach nur zum Ausspannen belagert werden. Dann noch auf einen Kaffee zum Khan Market und gegen 18.30Uhr gings dann wieder nach Hause, wo der Abend in vollen Zügen genossen wurde und wo ich soeben diesen Eintrag verfasse.

Die kommende Woche gestaltet sich etwas arbeitsintensiver. Meine Kunsteinheit steht kurz vor dem Ende und es folgt eine weiter Geschichtseinheit in punkto „Reichseinigung 1871“, „Bauerkrieg 1515“ und „Metallzeit“ in den Klassen 9,8 und 5. Gut zu tun also, was die Reisepläne aber keineswegs beeinträchtigt. Am Freitag geht’s nach Haridwar und von dort aus nach Rishikesh, jenem Ort, welchen schon die Beatles bereisten und wo man hervorragend Yoga-Stunden nehmen kann sowie unter Wanderern als Hotspot in Nordindien gilt. Ob da was dran ist? Ich werde es am kommenden Wochenende herausfinden. Den Bericht gibt es dann hier.

Eine etwas größere Galerie des vergangenen Wochenendes in Varanasi gibt es >>HIER<< !

Es grüßt aus dem mittlerweile recht kalten Delhi

Michael

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Eine Antwort to “Ladies and Gentlemen, it´s time for CHANGE!”

  1. Wow mensch du erlebst was… Finde ich toll, dass du so spontan die „schlechte“ Nachricht in eine positive umwandeln konntest. Und jetzt wo du in Varanassi warst, versteht du vielleicht warum mir Delhi oft so friedlich und sauber vorkam. Varanassi war ja quasi meine erste Station in Indien.

    Grüße aus dem wirklich kalten Berlin

    Luis

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