Archiv für Dezember, 2008

Driving Home for Christmas

Posted in India on Dezember 21, 2008 by indiapore

Abschiedstour, die Erste! Noch zwei Tage bis Heiligabend und wer denkt, dass man im „fernen“ Indien vom Weihnachtsstress befreit lebt, der irrt. Gerade komme ich rein von einer Hardcore-Weihnachtsgeschenke-Tour mit Erik und Sebastian, die es wirklich in sich hatte. Naja, immerhin ist der Sack / Trolley zu 90% fertig gefüllt und „Santa M.“ ist so gut wie auf den Socken nach Leipzig um die lieben und artigen Homies zu beschenken… Überlegt euch schon mal alle ein gutes Gedicht oder Liedchen, ansonsten bleibt der Sack zu! 😉

Naja, wie wir alle wissen sind Geschenke ja nicht das Wichtigste an Weihnachten. Ich persönlich freue mich eigentlich am meisten auf meine Familie, meine Freunde und die Ruhe, die man hier nur selten bis gar nicht hat – zum Einen, weil man einfach in einer anderen Welt lebt, die mit der vertrauten Welt zu Hause einfach nicht zu vergleichen ist und weil man natürlich auch nichts verpassen will von dem, was hier so abgeht. Nicht umsonst nennt mich unser Schulkoch schon seit Monaten „Urlauber“ (mit einem echt geilen französischen Dialekt) und beteuert mir immer wieder, dass er noch nie einen Praktikanten gesehen hat, der so viel und oft am Wochenende rumgereist ist, wie ich. Ok, die letzten Wochen waren vielleicht wirklich zu Hardcore, man sieht und hört es an meinem gesundheitlichen Zustand im Moment (ich huste immer noch wie ein indischer Rickshawfahrer). Das Schlafdefizit habe ichausgleichen können – seit Samstag sind nun offiziell Ferien – meine zweiten in Delhi, aber die ersten, die ich als Lehrer mehr als nur herbeigesehnt habe. 😉 Mit meiner Arbeit bin ich vollends zufrieden – ich habe die letzten Monate jede Menge dazugelernt und mich weiterentwickeln können und das in einer Form, die zu Hause warscheinlich erst im Referendariat möglich gewesen wäre. Meine Mentoren sind mit mir zufrieden, was auf Gegenseitigkeit beruht, das Feedback der Schüler fällt durchweg zufrieden aus und überhaupt – ich fühle mich an der Schule sehr wohl. Warum also ins neue Jahr mit Vorhaben und guten Vorsätzen schauen, wenn man nach einem zwar recht stressigen Jahr mit allerlei Höhen (erfolgreiche Ablegung der Fachpraktischen, zwei erfolgreiche Umzüge, viele neue Freunde und Bekanntschaften) und Tiefen (Trennungen (auf Zeit), Verlust der erste eigenen Bude, leider auch zwischenmenschliche Enttäuschungen) trotzdem ein durchaus positives Resümee ziehen kann. Warum also nicht einfach weiter so machen wie bisher? Das wird mein Vorsatz! Things running well, so why should I change? – Indien verändert einen genug, man lernt viel über sich selbst, über die Menschen und leider auch über die Mißstände in unserer Gesellschaft. Ich habe hier in den letzten vier Monaten viele schöne, leider aber auch viele unschöne, z.T. sogar schreckliche Eindrücke über das Land und über unsere Welt bekommen. Angefangen bei der allgegenwärtigen Armut in Indien, über die Terroranschläge im September und November, die mich ehrlich gesagt mehrmals an der Sicherheit meines Aufenthaltes hier haben zweifeln lassen; bis hin zu den schwelenden Konflikten und Krisen in Europa und der Welt (Afghanistan, Irak, Kaukasus, Israel etc.). Solche Eindrücke prägen einen und ich habe in den letzten Wochen immer mehr mitbekommen, wie sehr wir Deutschen doch auf einer Art „Wolke 7“ schweben und dass es uns im Verhältnis zu anderen Menschen in dieser Welt sehr sehr gut geht. Wir müssen uns keine Gedanken machen, was es morgen zu Essen gibt, ob es überhaupt etwas gibt, dass wir morgen noch kräftig genug sein werden um aufzustehen. Wir haben keine existenziellen Probleme, wir machen uns Gedanken über unsere Wertanlagen in Zeiten von Rezession und Wirtschaftskrise, verzweifeln an Spritpreisen und finden es interessanter, was Boris Beckers Verflossene so treibt, als mal über den Tellerrand zu schauen und Kinder ohne Kleidung sehen, die einen total verdreckt und voll aus Leim, den sie tagtäglich schnüffeln, nach ein paar Rupien oder etwas Essen fragen. Wir überlegen uns wohin im nächsten Jahr der Sommerurlaub geht, während man im Südossetien vor brennenden Häusern steht und in Delhi wieder tausende Menschen die Nacht im Freien und nur mit einer spärlichen Decke bekleidet, verbringen müssen. Verdammt, solche Erfahrungen und Eindrücke kotzen einen auf die Dauer an, weil man einfach nichts ändern kann und statt endlich miteinander solche Probleme anzugehen, gießt man immer wieder Öl ins Feuer und überlegt schon, wie und wo man als nächstes einmarschieren kann. Unter welcher Flagge ist dabei scheißegal – hauptsache es steht „Change“ oder „Freedom“ darüber, dann wird die ganze Seuche schon irgendwie zu rechtfertigen sein. Ich weiß in jedem Fall, dass unser Wohlstand in vielen Fällen eben auf solchen Ungleichheiten beruht und wir nur aufgrund dieser unseren Wohlstand halten können. Scheisse, aber so schnell nicht zu beheben! Man selber ist ja viel zu sehr Teil von diesem ganzen Kreislauf. Jedenfalls denke ich momentan mehr als üblich über solche Dinge nach, sie beschäftigen mich und das nicht nur, weil sie allgegenwärtig sind, aber deswegen vielleicht besonders intensiv!

Ok, Ende der „Die-Welt-Ist-Schlecht“-Schreiberei. Mein größter Wunsch zu Weihnachten ist daher vielleicht auch recht naiv, als auch abgelutscht. Wenn wir schon solche Probleme nicht mal eben so in einer Legislaturperiode beheben, geschweigedenn lindern können, warum versuchen wir dann nicht wenigstens friedlich miteinander umzugehen? Es gibt keine „besseren“ oder „schlechteren“ Menschen, es gibt kein „gut“ und „böse“, es gibt keinen „falschen“ oder „richtigen“ Glauben. Dialoge haben schon immer mehr gebracht als fliegende Fäuste oder Bomben. Ein altes Hippiesprichwort: „Bombing for peace is like fucking for virginity“ (Bomben für Frieden ist wie Ficken für Jungfräulichkeit), daher mein Wunsch:

Ich wünsche mir, dass die kommenden Tage / Wochen / Monate ein bischen Frieden und Ruhe in unsere momentan sehr aufgebrachte, gereizte und angespannte Welt bringen – dass Indien und Pakistan einen friedlichen gemeinsamen Weg miteinander suchen und finden werden, dass das sinnlose Gebombe und Getöte in Afghanistan, im Irak und überall sonst auf der Welt endlich aufhört und man sich endlich wieder an einen Verhandlungstisch setzt und friedlich über seine Probleme mit dem Gegenüber spricht. Die Leidtragenden sind ohnehin immer die Schwächsten der Schwachen. Das haben wir, und speziell wir als Deutsche schon genug aus der Vergangenheit erfahren dürfen.

Mehr wünsche ich mir nicht!

Ich freue mich total auf die Tage zu Hause, freue mich wie gesagt auf meine Freunde, auf meine Familie und am allermeisten freue ich mich auf meinen ganz persönlichen Weihnachtsengel, der schon seit August eifrig die Tage zählt, bis wir uns wieder sehen – und diesmal in echt und nicht über Skype oder Telefon. Ich freue mich auf ein paar erholsame Tage fernab allen Trubels und Stresses hier in Delhi, auf die Sauberkeit zu Hause, auf die Ordnung und Ruhe, die man warscheinlich erst zu schätzen lernt, wenn man sie nicht hat, auf einen von Muttern aufgesetzten Weihnachtsbraten, auf eine heiße Badewanne (!!!), einen echten Filterkaffe und ein ordentliches Brötchen zum Früstück. 🙂

Ansonsten bleibt mir nur noch ein kleiner Ausblick auf 2009: Der Blog hier wird umziehen und die Seite wird sich abermals verändern. Ich habe mir vor Kurzem eine .de-Domain gesichert, auf welcher ich noch bis August den Blog fortführen werde. Was danach kommt, bleibt noch geheim – es wird in jedem Fall alles ein wenig multimedialer und interaktiver sein und ein wenig meinen „künstlerischen Werdegang“ der letzten Jahre in Augenschein nehmen.

Ich wünsche euch allen also ein paar ruhige und erholsame Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2009. Macht das Beste aus der Zeit und wir lesen uns im kommenden Jahr dann wieder, wenn ich wieder von der „privaten Bildungsfront“ in Neu-Delhi berichten werde. Dann wird es auch wieder einen ordentlichen Batzen Bilder geben, denn aufgeschoben ist ja nicht gleich aufgehoben!

Zum Abschluss noch ein kleiner Track, der besonders meinem Weihnachtsengel gefallen dürfte und der thematisch einfach zu gut passe, als dass ich ihn hier weglassen könnte.

Also, bis dahin! Frohe Weihnachten wünscht euch

Michael

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Es weihnachtet schwer… Santa rockt Delhi!

Posted in India on Dezember 18, 2008 by indiapore

…und auch wenn man vermutlich an Weihnachten aufgrund des Smogs in Delhi nicht das Sternenfeuer am Firmament sehen wird, die die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus verkünden sollen, arbeitet momentan alles, aber auch wirklich alles in und an mir „straight“ Richtung Weihnachten. Der Grund ist genauso simpel wie wortwörtlich naheliegend: Fronturlaub!  Es geht für knappe 2,5 Wochen in die Heimat, raus aus dem tagtäglichen Stress hier in Delhi, der sich auf „unerklärliche Weise“ zum Ende des Schulhalbjahres vermehrt hat. Aber getreu dem Motto „Nur unter Druck entstehen Diamanten“ ist mittlerweile der Großteil abgearbeitet – bleiben nur noch mein Umzug, Weihnachtsgeschenke und Formalitäten fürs kommende Jahr hier in (dirty) Delhi.

Der Eintrag kommt reichlich spät – mittlerweile sind wieder zwei Wochen vergangen und in denen ist auch hier einiges passiert und über die Bühne gegangen, sprichwörtlich!

Den Beginn macht das vorvergangene Wochenende, welches komplett hier in Delhi verbracht wurde. Zum Auftakt kam Besuch – Sven aus Leipzig, mein alter Schulbanknachbar und ebenfalls Weltenbummler hat sich auf die Socken gemacht um in den kommenden 12 Monaten Asien mit einem bischen Leipzig-Flair zu versehen. Naja, und wie es halt so läuft, liefen nach einer stressigen Schulwoche zunächst einmal jede Menge „Krawallbrausen“ (Svens neuartiger Begriff für Gerstensaft) in unsere Kehlen – HappyH in der QBA. Hiernach ging´s direkt nach Hause, wo die „Jägermeister und Smirnoff-„Reste“ weggebechert wurden. Gut angeheitert sollte es eigentlich auf eine Rooftop-Party irgendwo im Nirgendwo gehen. Ok, das Haus haben wir gefunden, aber die Partylokalität wurde verfehlt und so landeten Sebastian (Lufthansa-Praktikant), Sven und meiner Einer auf einer WG-Party mit lauter Eingeborenen und einem Franzosen im Erdgeschoss. Wie es der Zufall aber wieder einmal will, erwies sich diese Party aber als absoluter Bringer. Die Leute, zumeist Bandkollegen einer ziemlich bekannten Band in Delhi – Men Who Pause (Vgl. „Menopause“ – ein bemerkenswertes Wortspiel, über welches ich auch erst aufgeklärt werden musste!!!), waren allesamt derart aufgeschlossen (wie eigentlich alle Inder), dass es unverschämt gewesen wäre nach den unzähligen weiteren Drinks noch ins Dachgeschoss zu wechseln. Mit den Jungs von Men Who Pause hat sich mittlerweile auch so eine Art Deutsch-Französisch-Indische-Freundschaft aufgebaut. Sven denkt ernsthaft über eine Roadie-Karriere bei der nächsten Tour nach, Sarrabjt (der Sänger) lädt immer wieder zu weiteren Feiern ein, wir hören die Musik rauf und runter, man trifft sich hin und wieder – super…

Naja, und wie WG-Parties so gewöhnlich ablaufen, man trinkt, man quatscht und ergänzend wurde diesmal Guitar-Hero gezockt. Zugegeben, ich habe noch nie diese Plastik-Klampfe in der Hand gehalten, aber das Spiel macht einen Heidenspaß und wenn man fast schon „professionell“ Metallica´s „One“, „Hier kommt Alex“ oder „Smoke on the water“ in die Saiten scheppert, kommt schnell ein echtes Rockstar-Feeling auf man geht ab, wie Santana höchstpersönlich – nur eben nicht vor tausenden jubelnden Fans, sondern vor ca. 20 angetrunkenen Partygästen. Sehr sehr geil!

Nach Hause ging es mit dem Techniker der Band, durch eine wilkürliche Polizeikontrolle, bei der der korrupte indische Bullenstaat sich in bester Manier zeigte (einer schlafend, der andere übermotiviert, der andere „leicht“ bestechlich). Zum Ziel kamen wir dennoch, auch wenn es Sven in seiner zweiten Nacht in Indien vorzog auf einer indischen Couch zu nächtigen. 😉

Samstag: Weihnachtsmarkt!

Ja, richtig – Weihnachtsmarkt in Indien! Die deutsche Außenhandelskammer in Delhi und die dt. Schule haben gemeinsam einen Weihnachtsmarkt ausgetragen. Zunächst recht skeptisch dem ganzen Unterfangen gegenüber, war es letztlich doch eine sehr gelungene Veranstaltung. Dank fleißiger indischer Arbeiterhände, die wirklich Tage und Nächte zuvor alles gegeben haben, damit der Markt auch am Wochenende steht, ging das Ganze vollends zufriedenstellend über die Bühne. Der Aufwand war so groß, dass man sogar Radio-Spots sendete um das Ganze anzukündigen. Der ganze Markt hatte dann sogar ein bischen Ähnlichkeit mit unseren Weihnachtsmärkten – einzige Ausnahmen: Es gab lediglich einen Glühweinstand, welcher eingeflogen werden musste, keinen einizigen echten Tannenzweig (woher auch!?) und die Temperatur lag tagsüber um die 20 Grad – also nicht unbedingt Glühwein-Athmosphäre, mit Sonneneinstrahlung dafür aber doppelt wirksam, wie man bei einigen indischen und deutschen Marktbesuchern schnell sehen und riechen konnte. Als ziemlich bedrückend empfand ich die schwer bewaffneten und zahlreichen indischen Polizisten und Sicherheitsleute, die den Markt ringsum absicherten. Aufgrund von 26/11 (so nennen die indischen Zeitungen das Attentat von Mumbai) wenige Tage zuvor, kursierten zahlreiche Sicherheitswarnungen und leider auch Drohungen über kommende Anschläge. Außerdem ist die Zeit um den 6. Dezember in Indien immer recht kritisch, da an selbigem Tag im Jahr 1991 in Ayodhya ca. 10000 Hindus eine bedeutende Moschee angriffen, diese zerstörten um an gleicher Stelle einen Tempel zu Ehren Lord Ramas zu errichten. Seit diesem Tag werden um dieses Datum immer wieder Anschläge erwartet und leider auch verübt. Und nach den Angriffen auf Ausländer in Mumbai wenige Tage zuvor, wollte man einfach auf Nummer sicher gehen. Jedenfalls kein so schönes Szenario, wenn vor dem Weihnachtsmarkt zunächst ein MG-bewaffneter Polizist auf einen zukommt um eine Taschenkontrolle durchzuführen. Incredible India!?

Leider war es mit nicht vergönnt ausschließlich zum Schlenkern und Rumfuttern über den Markt zu gehen. Als eingeteilter Fotograf und Nikolaus verkleidet konnte ich aber auch so manche interessante Beobachtung bei den Indern im Umgang mit Weihnachten machen – aufgrund religiös bedingter Unterschiede wissen die Kidsbeispielsweise nichts mit Santa Klaus / Weihnachtsmann oder Sankt Nikolaus anzufangen. Sie haben kaum Ehrfurcht oder gar Angst wie deutsche Kids vor ihm, sondern fanden es sehr lustig bei dem „bärtigen Alten“ auf dem Schoss zu sitzen um fürs Foto zu posieren. Vielleicht lag es aber auch an mir, denn immerhin war der Kunstbart mehr als lästig und rutschte hin und wieder unters Kinn – sehr zur Freude der kleinen Besucher. Alles in allem war die Veranstaltung doch ein recht aufgeblasenes Sehen-und-Gesehen-Werden, die Stände verkauften ähnlich wie in Deutschland den gleichen Nippes, lediglich war Handeln hier oberstes Gebot. Die Bratwurst und das Bitburger waren neben den zwei Glühwein und der Waffel sowie der weihnachtlichen Musik dann aber doch ein bischen Heimat, auch wenn es die Temperaturen nicht so zuließen!

Samstag Abend dann wieder Party mit Sarrabjt und Co. Diesmal ging es mit den Jungs auf ein Konzert, wo sie ihre Spielkunst zum Besten gaben. An diesem Abend wurde mir klar, warum man die Band als eine der besten in Delhi handelt. Die Jungs verstehen es wirklich zusammenzuspielen und ihr Stil ist irgendwas zwischen Sterephonics und Foo Fighters – in jedem Fall sehr geiler indischer Alternative-Rock von professionellen Musikern „headbang-reif“ vorgetragen.

Sonntag dann das gleiche Spiel auf dem Weihnachtsmarkt – Fotos schießen und den Weihnachtsmann miemen. Der Feierabend nach diesem Wochenende wurde dann stilecht im Moets bei Riesengarnelen und griechischem Salat begangen. 😉

Kurzer Abriss der vergangenen Woche: Jede Menge in Vorbereitung der Theateraufführungen zu tun, jede Menge Vertretungsstunden und Hausaufgabenbetreuung. Abschluss meiner Geschichtseinheit zur Reichseinigung 1871, Kunsteinheit zum Thema „Landschaftszeichnung“ auch abgeschlossen, Requisitenbau und und und… Ich war jedenfalls keinen Tag unter der Woche vor 19 Uhr zu Hause. Zum Glück kommt immer ein Freitag und aufgrund verschiedenster Festivitäten in Delhi auch wieder ein Wochenende, an dem man nicht wirklich zum Ruhen gekommen ist. Freitag Abend war Anstoß: 20 Uhr ging es zum Empfang ins Goethe-Institut – Häppchen, Cocktails und Buffet fassen. Als „Mitorganisator“ des deutschen Beitrags und auserkohrener „Chefdesigner“ aller Werbeträger der deutschen Schule auf dem Festival auch eine Selbstverständlichkeit. 😉 Nein, im Ernst. Ich hatte die Woche auch alle Hände voll zu tun – angefangen bei den Requisiten für das Theaterstück, über Plakatgestaltung und -druck und Gestaltungskonstanten bei der Banner-Prodution im Sinnbild des Corporate Design der Schule (ja, es gibt Schulen, die legen da großen Wert drauf!!!), war das auch ein krönender Auftakt zur Festivalwoche, die noch bis Ende dieser Woche geht. War schon ziemlich cool, mal alles Theoretische aus dem Studium in der Praxis anzuwenden, vor allem wenn man Schaltungs- und Waltungsfreiheit vom Schulleiter übertragen bekommt. Letztlich hängen nun meine Plakate nun in der deutschen Botschaft, im Goethe-Institut, in der Außenhandelskammer und natürlich in der Schule aus. Macht schon ein bischen stolz! 🙂 Danke an dieser Stelle auch an Max, der mich in Sachen Druck und Transport reichlich unterstützt hat.

Der Abend im Institut war auf jeden Fall sehr gelungen und nach zahlreichen Gesprächen u.a. mit dem Ex-Direktor der Provinz Uttar Pradesh (Nordindien) und dem Chefdesigners des Sympsosiums aus Beijing ging es im Anschluß standesgemäß mit Rickshaw zu einem Festival, welches sich als besonderer Leckerbissen herausstellte, nicht zuletzt wegen der Thematik, sondern auch wegen der Umsetzung ein Leckerbissen: „The First Graffiti Artist Festival in Delhi“ – Der Name ist Programm – die urbane Subkultur „Graffiti“ hält Einzug in Delhi und das muss zelebriert werden. Ausgetragen vom Alliance Francáise (dem franz. Pendant zum Goethe-Institut) in einem Einkaufszentrum (den hier anwesenden Damen nur zu gut bekannt als Mall wo Gucci und Prada fließen), hatte das Festival zwar schon von Anfang an ein wenig seiner Urbanität verloren, die Eröffnungsparty dann war aber echt der Hammer. Man hatte zeitweise das Gefühl auf dem Jam aus dem „Wildstyle“-Film von 1983 dabei zu sein. Auf einer Bühne zwei französische Writer, die eine Leinwand besprühten (der Eine echt gut, der Andere eher schlecht). Das Ganze war untermalt von feinstem Oldschool-HipHop, Funk und Rock-Klassikern – eine echt geniale Party über den Dächern Delhis, wo hin und wieder ein Flugzeug einkam und man dachte, dass er es nicht mehr bis zur Landebahn schafft, so nah waren die Flieger der feiernden Meute. Supergeil und ein echt gelungener Abend! Der Abend hat dann auch den entscheidenden Impuls gegeben im kommenden Schulhalbjahr einen Graffiti-StreetArt-Workshop in der Schule anzubieten. Nach einigen Gesprächen mit den SuS (akademisch-erziehungswissenschaftliche Abkürzung für Schülerinnen und Schüler) ist da jede Menge Interesse und vor allem freie ergraute Fläche, die nur noch durch den Schulvorstand freigegeben werden muss! In jedem Fall mein Vorhaben für 01-03/2009 in Delhi…

Samstag war dann Generalprobe für das Theaterstück „Unser Fluss“ im Jantar Mantar, einem 400 Jahre alten Observatorium im Herzen Delhis. Nach zahlreichen Diskussionen mit den Bediensteten des Observatoriums (die anscheinend alle von nichts wussten) ging die Probe dann doch noch erfolgreich über die Bühne. Hier habe ich mal wieder eine Lektion in Sachen „Warum einfach wenns auch kompliziert geht!?“ erlebt. Nachdem der geschäftstüchtige Inder eine gute Gelegenheit witterte von der großen Horde Ausländer den, im Vergleich zu Indern horrenden, Eintrittspreis ins Observatorium zu kassieren, gab es beim Aufbau gleich die nächsten Schwierigkeiten. „No, this is a protected sight!“ – alles denkmalgeschützt… Man wollte einfach mal wieder „Bagshish“ (Schmiergeld) haben um nicht permanent zu stören und um die benötigten „Permitionen“ auszustellen. Clever, aber was macht ein findiger Deutscher in so einer Situation? Richtig, der deutsche Berufsalltag lehrt uns: Er fragt erstmal nach dem Chef. Und vor dem haben gewöhlich alle Arbeitnehmer im Subkontinent eine Heidenangst. Also ein kurzes Telefonat mit dem Chef und eine wenig später aufkreuzende Festivalkoordinatorin (aus Österreich – Eva, die Frau eines Kollegen!) und schon trollten sich die mittlerweile fast 20 „Bediensteten“. Wirklich unglaublich, aber ohne Schmiergeld machen es einem bestimmte Menschen hier echt schwer. Vorausgesetzt man weiß sich nicht zu helfen. Jedenfalls brauchten wir dann keinen Eintritt zahlen und der Aufbau aller Requisiten war auch kein Problem mehr.

Nach der Probe dann eine weitere Lektion in Sachen: Lehrer-Schüler-Beziehung. Nachdem ich ja nun in der 9. Klasse den Großteil meiner Stunden abgehalten habe und diese Klasse wirklich sehr sehr entgegenkommend und freundlich war, war es nun mal Zeit mich bei ihnen zu bedanken. Naja, und was macht man dann mit einer Horde pubertierender HipHop-hörenderPlagen? Richtig, man lädt sie mal auf einen Happen ein. Die Lokalität war schnell gefunden – Pasta beim Italiener ist ohnehin eklig, was zählt sind solide Grundnahrungsmittel aus dem „goldenen M“. In Deutschland undenkbar wegen unverschämter Preise, ging es mit den 3 (!) Neuntklässlern dann zu Mc Donald´s, wo man mal ordentlich auf „(Fast-)Lehrerkosten“ dinnieren konnte.  Naja, bei so viel Zufriedenheit auf beiden Seiten war es dann wohl doch mal an der Zeit. Ich hätte mich damals sehr gefreut, wenn mein Lehrer mal so eine Geste gezeigt hätte.

Am Abend kam dann Sven bei mir vorbei, den schon seit einigen Tagen Reisevorhaben beschäftigen. Also haben wir noch nach einem Zug für ihn Richtung Agra gesucht, von wo aus er seine Rahjasthan-Tour beginnen wird. Gemeinsam mit meinem Mitbewohner Thomas ging es dann noch zum Abendessen ins Moets und anschließend hatten mal wieder Sarrabjt und seine Jungs zum Umtrunk geladen – just another WG-Party mit ausreichend Guitar Hero (ich werde immer besser) und reichlich „Krawallbrause“. Wieder eine sehr geile Party – So müssen Rockstars leben!!! 😉

Sonntag dann der erstmal ausgeschlafen und dann in die deutsche Botschaft – Nikolausfeier der deutschen Gemeinde. Auch hier wieder ein Sehen-Und-Gesehen-Werden und die Anwesenheit der deutschen „Who-is-Who“-Delegation aus Politik und Wirtschaft und deren Kids. Nach einem ziemlich umfangreichen Programm, ausgetragen von den Stiften der deutschen Schule, gab es dann hier wieder ordentlich Happa-Happa! 🙂 Am genialsten fand ich aber den Weihnachtsmann, der auf einem Elefanten in die Botschaft geritten kam und anscheinend so angetrunken war vom vorausgehenden Glühwein-Glühen, dass er sturzbetrunken vom Elefanten gefallen ist. Echt geil und nach Aussagen von einem Auslandskorrespondenten der dpa einen Artikel in der deutschen Monatszeitung wert.

Am Abend wurde dann Svens Abschied zelebriert – beim Lieblingsitaliener im Sartoria. Dabei waren ausschließlich Leipziger (Erik, ich und Sven natürlich). Drei von insgesamt 5 Leipzigern mittlerweile vor Ort. Damit ist die Berliner und Württembergische Fraktion übertroffen! Langsam kommt richtig Lokalpatriotismus auf! (Put your hands up for L.E., i love this city!!!).

Montag dann die Premiere von „Unser Fluss“ im Goethe-Institut.  Fazit: Eine gelungene Sache, viele kritische Augen aus Presse, Kultur und Elternschaft mit einem einheitlichen Urteil: sehr gut!!! Zwei Filmteams waren anwesend, die das Ganze aufzeichneten. Überall die Banner der dt. Schule und jede Menge Interviews nach dem Stück – Sendezeit Donnerstag 15.30 / 21.30 Uhr indischer Zeit auf NDTV. Als kurz vorher ernannter „Art Director und Koordinator in Sachen Bühnenbild“ durfte ich dann noch eine Erklärung über Farbsymbolik, künstlerische Intension und Umsetzung geben. Klingt alles recht hochtragend, aber irgendwas muss man den Leuten vom Fernsehen ja erzählen. Bin mal gespannt auf morgen!

Am Abend dann mein erster Bollywood-Movie überhaupt. Geschlagene drei Stunden „Rab ne Bana“, so der Titel des Films. Die Handlung ist kurz erzählt – eine Beziehungskiste. Ein Mann verspricht am Sterbebett dem Schwiegervater dessen Tochter glücklich zu machen, sie will aber nichts von ihm. Folge: der Hässlon verkleidet sich zum Superchecker und spielt ein Doppelleben der Frau vor. Superchecker und Frau machen einen Tanzkurs, verlieben sich irgendwann auch ineinander, Hässlon kommt in die Zwickmühle, Schwindel fliegt auf, großes Drama und am Ende Versöhnung. Aus Ende, alles dramatisch inszeniert von einem gewissen Shahrukh Khan (dem indischen Brad Pitt), der angeblich in unserer Nachbarschaft ein Haus haben soll. Dieses Gesicht ist wirklich allgegenwärtig, egal ob auf Werbeplakaten für Pepsi, Handys, Kreditinstitute, Gesichtsaufheller oder eben Filmplakaten. This guy sucks, weil allgegenwärtig und so! Jedenfalls ein schöner Schmuh aus Singen und Tanzen und „alle haben sich lieb“. Sehr amüsant in jedem Fall wie sich Inder im Kino benehmen. Während die „Generation Playstation“ Popcorn-futternd in seinem Sessel klebt, feiert Indien eine Party im Kino. Mal steht einer auf und jubelt laut los, dann klatscht das ganze Publikum, singt mit oder lacht sich so schief und krumm, dass man vom Film nichts mehr versteht. Resultat zu Bollywood: Sehr cool und mit Sicherheit allein deswegen im kommenden Jahr einen weiteren Besuch wert, auch wenn es nach 3h Film nicht einen einzigen Kuss, eine Schlägerei, eine Verfolgungsjagd, geschweigedenn Pimperszene, Blut oder sonstwas Hollywoodähnliches zu sehen gab. Tag zu Ende, meiner Einer tot ins Bett gefallen!

Gestern dann die Theateraufführung im Jantar Mantar, auch ein voller Erfolg und diesmal ohne Zwischenfälle seitens der „Bediensteten“. Diesmal waren die Fronten von vorneherein klar. Auch hier wieder viele begeisterte Zuschauer, ein Fernsehteam und ein zufriedener Schulleiter nebst sich feiernden SuS. (was gelernt?) 🙂

Eigentlich wollte ich gestern Abend noch zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Afghanistan, Pakistan und die dortige Misere“ gehen, allerdings hat es mich nach der Veranstaltung im Jantar Mantar einfach nur noch hingelegt und es ging nichts mehr – Luft raus!

Naja, und für den Rest der Woche steht dann nur noch ein „kleiner“ Umzug auf dem Plan. Da meine jetzige Vermieterin mein Zimmer schon wieder weitervermietet hat (konnte im August ja keiner wissen, dass alles ein bischen anders kommt als geplant…), werde ich ab Donnerstag 3 Häuser weiter ziehen und das Zimmer beziehen, welches schon Kristopher (mein ehemaliger Praktikantenkollege) und Sanela bewohnt haben. Kostet zwar doppelt so viel wie bisher, ist dafür aber auch wesentlich gemütlicher und komfortabler. Wäscheservice, Strom und ne richtige Küche inklusive, genau wie zwei deutsche Doggen (ouiiiii!!! – Vgl. den jungen Bismarck) und ein Papagei. Außerdem ne Dachterasse und endlich dichte Fenster sowie unlimited warmes Wasser!!!

Es grüßt aus dem smoggisch weihnachtlichen Delhi,

Michael

Alles neu macht der Dezember…

Posted in Arrangements on Dezember 8, 2008 by indiapore

Indiapore präsentiert sich ab sofort in einer neuen Optik! Da sich mein Aufenthalt in Indien nun noch bis zum 27. März 2009 hinauszögern wird, war es an der Zeit eine neue Tapete aufzuziehen. Ich hoffe es gefällt und wünsche weiterhin viel Spaß beim Lesen!

Gruß aus dem kalten und versmogten Delhi!

Michael

PS: Die Tage kommt dann noch ein neuer Post!

PS²: Wer nicht warten will, der liest schon mal >>HIER<< …

PS³: … oder gibt sich einen Videoclip feinster indischer Popmusik!

…und das zieh ich mir nun so ziemlich jeden Tag rein. Ich bin eindeutig zu lange hier!!!

Voll auf Lunge…

Posted in India on Dezember 3, 2008 by indiapore

…und endlich mal so richtig abchillen. So in etwa das Motto am vergangen Wochenende in Indiens Norden, in Rishikesh! Hinzu kamen zwei mäßige Yoga-Versuche, Massagen und gutes organisches/vegetatrisches Essen. Aber immer mit der Ruhe, wie gewohnt geht es der Reihe nach. 😉

Nach einer mehr als stressigen letzten Woche in der Schule ging es Freitag einmal mehr Richtung Bahnhof, diesmal in die Provinz Uttarkharand, ins 280km entfertne Rishikesh. Ich hatte es ja schon mehrfach angesprochen – Rishikesh nennt man auch „Yoga-Capital“ und war gegen Ende der 60er Jahre für mehrere Monate der Aufenthaltsort der Beatles, welche hier nahezu alle Songs für ihr „White Album“ geschrieben haben. Grund genug also auch mal einen Schritt hierher zu wagen, zumal man diesmal echt die „Zuverlässigkeit“ der indischen Staatsbahn bemerken muss. Angekommen am Bahnhof stand der Zug bereits am Gleis. Diesmal also keine 6,5h Warten! Kurioserweise rollte der Stahlkolloss auch noch pünktlich los – gerade mal 10min verspätete Abfahrt. Wie genial ist das denn? Ich werde noch vor Mitternacht in Rishikesh sein. Nach den vergangenen Horror-Trips, bzw. den langatmigen Wartenächen auf Indiens Bahnhöfen ein echtes Erfolgserlebnis (Warscheinlich auf beiden Seiten!)

Der Weg nach Rishikesh wieder mal ein weiteres Kapitel zur Erfolgsstory „Indiens skurile Zugfahrten und wie man sie als weißer Mann erlebt“. Angefangen hat alles ganz harmlos. Eine israelische Reisegruppe, bestehend aus ca. 50 Rentnern bezog das Abteil. Allesamt in bester Outdoor-Kleidung verpackt, so dass man sie alle als Statisten im neuesten Indiana Jones-Streifen hätte einstellen können. Nachdem die Herrschaften dann endlich ihre Plätze bezogen hatten, ging auch schon das Genörgel und Gejammer los. Ich habe aufgrund unterschiedlicher Sprachen zwar kein Wort verstanden, aber nach 2,5 Wochen in Kanada mit einer ähnlichen Gruppe im Jahr 2003 waren die Mängel womöglich die gleichen – Sitz zu eng, viel zu warm, zu viele Menschen, Rückenschmerzen, Tee zu heiß… bla bla bla. Jedenfalls ging das eine ganze Weile so und ich konnte mich über die Herrschaften nur zu gut amüsieren. Als die Herrschaften dann jedoch anfingen Gymnastikübungen im Zug zu machen (wohlbemerkt beim Einsteigen konnten sie kaum die zwei Stufen zum Waggon raufklettern!), war auch bei mir der Ofen aus und ich konnte mir mein fettes Grinsen nicht mehr hinter meinem Buch verstecken. An der ersten Haltestelle dann ein weiteres Szenario, wie es einem warscheinlich nur in Indien passieren kann. Ein älteres indisches Pärchen steigt zu, hat natürlich prompt die Plätze neben mir reserviert und macht sich auch gleich breit wie Stück Butter in der Sonne. Keine Ahnung, wer diese Menschen waren, zuzuordnen waren sie jedoch ganz leicht – tiefstes indisches Dorf. Sowohl der „höfische Moschus“ (Marke Kuhstall-Eau de Toilette) und das nicht ganz städtische Benehmen der älteren Dame gaben mir Aufschluss über deren Herkunft. Als ich so auf dem Tisch lehnte (stets auf der Suche nach der richtigen und bequemsten Leseposition) lehnte sich die besagte Dame nach vorn (ca. 30cm vor mir), schaute mich an und rülpste wie ein Pferd. Richtig, sie rülpste und das aus nicht mal einem halben Meter Entfernung, aus tiefster Magengrube und mir mitten ins Gesicht. Echt widerlich, zumal das ganze derartig nach Mundkoffer stank, dass selbst der Israeli neben mir angewidert wegschaute. Ich hab ihr dann natürlich auch zu verstehen gegeben, dass ich das mehr als ekelhaft fand, aber sie machte nicht mal die Anstalt einer Entschuldigung, geschweigedenn eines besseren Benehmens, denn im Laufe der Fahrt wiederholte sich dieses Szenario noch öfters – dass ich jedoch fortan auf sicherer Entfernung zur rülpsenden Inderin saß, versteht sich von selbst.

Den Großteil der Fahrt habe ich aber diesmal mit Lesen verbracht. Endlich mal Zeit und Ruhe um mal wieder ein Buch zu lesen, was ich mir bereits im August mit nach Indien genommen habe und eigentlich auch vor Nepal durchhaben wollte. Darum heute mal ein kleiner „Literaturtipp„, für all diejenigen, die wie mich die Tibet-Problematik und deren Auswirkungen auf Nepal und Nordindien interessiert. Christian (kommt auch im Buch vor und hat eine tragende Rolle) konnte ich im Februar in Leipzig bei einer Tibet-Veranstaltung im Tapir-Leipzig kennenlernen. Vielleicht auch deshalb ein Grund, warum mich das Buch die ganze Fahrt so gefesselt hat. Naja, und nicht zuletzt auch wegen der vielen Orte, die im Buch beschrieben werden und welche ich bereits in Indien und Nepal besucht habe.

Aber auch die längste Zugfahrt findet irgendwann ein Ende und so rollte mit gerade mal 30min Verspätung der Zug um 21Uhr in Haridwar ein. Haridwar, eine mittlere Großstadt im Norden Indiens ist weniger spektakulär, wie ich finde. Einkaufsstraße, Gangesfluß, jede Menge Verkehr, laut. So meine Eindrücke an diesem Abend von der Stadt und auch am Sonntag bei Tageslicht auf der Rückfahrt. Von hier aus ging es dann per Rickshaw weiter ins 35km entfernte Rishikesh. Hierzu kann ich bloß sagen – wer am Transportmittel geizt, der friert in dieser Jahreszeit. Und 35km können dann echt lang und eisig sein, vor allem wenn sie sich auf eine Stunde Fahrtzeit hinziehen, die Straßen bestenfalls deutschen Feldwegen gleichkommen und die Decke des Mobils derartig tief hängt, dass jedes Schlagloch neben einem Magenhopser auch eine Beule am Schädel mit sich bringt. Jedenfalls habe ich gefroren wie ein Schlosshund und durchgeschüttelt war ich auch wie ein falscher James-Bond-Martini. Am Ende kommen sie aber doch alle an und so auch ich. 22Uhr – dann Ankunft in Rishikesh. Leonie, die mittlerweile in Dehra Dun arbeitet (nicht unweit von Rishikesh) war bereits da und hatte ein Zimmer organisiert, von welchem man einen direkten Blick auf den Ganges und den oberen Stadtteil von Rishikesh (Lakshman Juhla) hat. Hier gab es nach einem verweigerten Abendessen („Sorry, Sir! 10 o´clock, no more food, Sir!“ – Fuck!!!) erstmal eine heiße Dusche um die abgefrorenen Glieder wieder aufzutauen und dann ab in die Falle zum Ratzepüüüh.

Samstagmorgen: 7.30Uhr, Weckerklingeln.

Auf dem Plan stand erstmal eins. Morgensport! Aber nicht irgendein Sport wie Jogging oder Nasebohren, sondern Yoga – meine erste Yoga-Doppelstunde überhaupt. Wer mich kennt, kennt meine Größe. Gepaart mit der Beweglichkeit eines Kruppstahl-Barrens ergibt das eine lustige Kostellation und nach einigen Versuchen in „Krokodil“, „Kranich“ und Schneidersitz war es dann doch das entspannende „Auf dem Rücken-Liegen“, bei dem ich warscheinlich die beste Figur unter allen Teilnehmern abgegeben habe. „Relax!“ – so immer wieder die Worte des Yogi-Gurus, der scheinbar biegsam wie Kaugummi ist. „Wie denn, verdammt nochmal! Ich krieg doch noch nicht mal nen Purzelbaum hin!“, dachte ich mir. Jedenfalls habe ich es nach guten 120min doch geschafft meinen Körper so zu entspannen, dass ich hätte glatt wieder ins Bett fallen können. Welche Rolle der akute Schlafmangel der vergangenen Woche dabei spielte, sei mal außen vor gestellt. Jedenfalls war das ne Erfahrung wert, die ich mir am kommenden Tag gleich nochmal gegeben habe.

Nach so viel „Morgengymnastik“ gab es dann erstmal ein ordentliches Frühstück im Freien bei prallem Sonnenschein und gefühlten 30Grad. Hier natürlich auch nur aryuvedische, vegetarische und gesunde Kost – was anderes wird man hier auch nur schwer finden – noch nicht mal ein Bierchen, geschweige denn Beef oder Buff. Keine kleinen niedlichen Schnitzelchen wie noch die Woche davor bei den ganzen Empfängen und Delegationen in der Botschaft und Handelskammer. Naja, tat auch mal gut und geschmeckt hat es vorzüglich.

Nach dieser Morgenzeremonie ging es dann auf direktem Weg nach Lakshman Juhla, dem höhergelegenen Teil Rishikeshs und Touristenzentrum der Stadt. Da wir ohnehin einen supergeilen Blick auf die Stadt, den Ganges und die Ausläufer des Himalaya hatten, war ein Gang hierher umso lohnenswerter, denn hier befinden sich auch die sogenannten „Ashram“, klosterähnliche Meditationszentren, wo man sich auch als Westler für eine Weile einbuchen kann und seinen Körper auf den gesundheitlichen und antitoxischen Stand eines Babys bringen kann. Vorausgesetzt man hat die Zeit dafür, denn „mal eben ne Entgiftungskur“ ist halt nicht drin und „mal eben den Shortcut zum inneren Ich“ findet man auch nicht ohne weiteres. Interessant war´s trotzdem und die Stunden, die wir hatten, wurden daher auch umso mehr genossen.

Am Abend dann noch ein kleiner Walk Richtung „Lower Rishikesh“, dem unteren Bezirk der Stadt. Auch wenn dieser weniger spektakulär ist, so war auch hier wieder eine Begegnung recht amüsant. Ein Sadhu (diese kiffenden, nichtstuenden, dauerbreiten Dauerhänger) wollte uns ein bischen „gesundes Grünzeugs“ andrehen. Da er uns eine „offizielle“ Schmiergeldlizenz der Polizei aufzeigen konnte, war das Interesse natürlich geweckt. Wann hat man schon mal die Gelegenheit bei einem „offiziellen Dealer“ seinen Shit zu kaufen? Good Price, wie immer und überall natürlich, aber als er dann bemerkte, dass wir eigentlich gar kein Interesse an seinem getrockneten Kuhdung hatten, fing er gleich an zu betteln und zeigte uns allerlei Wehwehchen an seinem Körper. Ehrlich gesagt, solche Wehwehchen bekommt man wirklich nur, wenn man den ganzen Tag ein Leben wie dieser Sadhu führt. Die Raucherlunge war dabei das kleinste Problem, das er hatte. Ein lustiger Zeitgenosse, der warscheinlich nicht ganz verstand, dass man für Geld auch richtig arbeiten könnte und das Betteln und Kuhdung verkaufen nicht das einzige Geschäft auf dieser Welt ist.

Ich liebe diese Typen einfach, nichtstun, rumhängen, hin und wieder ein Tütchen und dann noch mit einer Selbstverständlichkeit betteln, unglaublich. Erfolgreiche Sadhus bringen es im Übrigen auf 5-6000 Rupien am Tag, was knapp 100€ sind und was selbst in Deutschland wohl nur wenige mit solch einer Einstellung bekommen. Daher mein Aufruf: „Support the Sadhus! Money making wasn´t easier before!“

Sonntagmorgen: 7.30Uhr, Weckerklingeln

Same shit, different day! Zuerst wieder Yoga (und wieder war ich der beste „Auf-dem-Rücken-Lieger“), dann eine ausgiebige Massage! 😉 Direkt im Anschluss ein ordentliches Frühstück in der Sonne… Ja, so kann man leben. Das fette Leben halt, auch wenn dies wirklich mal nötig war und angesichts der Tatsache, dass Dienstleistungen in Indien einen Spottpreis kosten, auch echt erschwinglich für jedermann.

Dann noch ein bischen rumgelaufen, hier und da ein Foto und gegen 13Uhr musste ich mich wieder auf den Weg machen, denn 15 Uhr ging der Zug zurück nach Delhi und bis Haridwar, von wo aus er losfuhr, waren es noch gut 1h Rickshaw-Buckelpisten-Fahrt, bei der ich neben unzähligen überfahrenen Hunden auch so manches Straßenelend sehen musste. Ist mir auf der Hinfahrt und bei der Dunkelheit gar nicht aufgefallen. Lediglich die auffallend vielen Obdachlosen in Rishikesh waren auffällig. Immer wieder kleine Lagerfeuerchen, Deckenpakete am Straßenrand und schlafende Gestalten, die vom Leben gezeichnet waren. Traurig, aber leider war.

Am Bahnhof dann eine Premiere für mich – angesichts der billigen Preise für Bus und Bahn kann man sich da auch mal ein 1st-class Ticket buchen, was ich hier zum ersten Mal tat. First Class nach Delhi, coole Sache. Die Fahrt dann aber eher enttäuschend – keine ständig anklingelnden Begleiter, die pausenlos „Chaaaai!“ oder „Chipppps!“ brüllen, kein 5Sterne-Happahappa in Form von Asietten-Essen für 20Rp. Dafür aber Ruhe und Platz bis zum Abwinken. Wären nicht die 3 „Exilinder“ aus Ohio hinzugestoßen, hätte ich warscheinlich auch gar nicht die Maus in unserem Abteil mitbekommen und ich hätte bis Delhi durchgeschlafen. In jedem Fall sehr entspannend, was ich nach den Stunden in Rishikesh ohnehin bis zum Abwinken war.

Ankungt dann in Delhi gegen 23Uhr und auch das wieder „right on time“… Dieses Wochenende mal ein fettes Lob an die indische Bahn und alle Bediensteten, die warscheinlich schon wieder das Zu-Spät-Komm-Pensum für diesen Monat bis zum Maximum auf anderer Strecke ausgeschöpft haben! Gut gemacht, Jungs!

Seit Montag dann wieder da alte Lied in der Schule – Unterrichten, Vorbereiten, Hausaufgabenbetreuung. Dazu kommt allerlei Vorbereitung für jegliche vorweihnachtlichen Festivitäten, wie Theater-AG, Weihnachtsmarkt am kommenden Samstag und Sonntag hier in der Nyaya Marg und nicht zu vergessen die geselligen Abende mit der Expats-Delegation von „nebenan“. Freitag Morgen kommt dann Sven nach Delhi, mit dem ich mich natürlich treffen werde (Guten Flug morgen!). Samstag dann Fotosessions beim Weihnachtsmarkt durchführen, Glühwein bechern (Ihr seid warscheinlich schon weit im Vorsprung…) und den Rest der Zeit zum Ausruhen und Stunden vorbereiten nutzen.

Der Plan ist rappelvoll und wirklich Weihnachtsstimmung will aufgrund fehlender Weihnachtsbäume und Glühweinleichen nicht wirklich aufkommen. Mal sehen, vielleicht Samstag wenigstens ein Tannenbäumchen… 😉

Zum Schluss noch etwas zu den Geschehnissen der vergangenen Woche / zum vergangenen Wochenende…

Die Anschläge in Mumbai sind natürlich krass und auch nicht zu unterschätzen. Immerhin waren das seit sehr Langem die ersten Anschläge gegen Ausländer. Wer diese „Deccan Mujahideen“ wirklich sind, keine Ahnung. In jedem Fall sind die Anschläge auf das Taj-Hotel schwer zu verurteilen – die Vorgehensweise schien schon fast militärischen Ausmaßes zu sein. Betroffene waren diesmal nicht ausschließlich Inder, sondern auch Menschen aus unserem unmittelbaren Umfeld. Kollegen aus Mumbai waren noch Minuten vor dem Anschlag im Taj, einige Kollegen telefonierten sofort mit ihnen, konnten die Schießereien im Hintergrund hören. Ein Kollege von Alex und Sanela mußte die Nacht hinter einem Barthresen ausharren, bevor er im Morgengrauen mit einem Taxifahrer entkommen konnte. Unglaublich und bedauerlich, dass es immer wieder zu solchen fatalen Anschlägen hier kommt.

Trotz allem ist die Situation momentan nicht zu ändern und was nach wie vor bleibt, ist ein ungutes Gefühl. Die Lage behalte ich natürlich im Auge und sollte ich hier Angst um mich und meine Gesundheit bekommen, dann reagiere ich auch dementsprechend mit Konsequenzen für meinen Aufenthalt hier. Im Moment fühle ich mich trotz alledem sicher hier in Delhi. Die Ausflugsziele sind derartige „Käffer“, dass Anschläge nur schwer vorstellbar sind. Auch meine Aufenthaltsorte in Delhi sind „sicher“, zumal ich im Moment eh nur zum Pendeln zwischen Schule und Zimmer komme. Für mehr ist im Moment kaum Zeit und man sagt immer wieder, dass nach einem Anschlag dass Sicherheitslevel so hoch ist, dass nichts Neues zu erwarten ist. Was bleibt mir also anderes übrig, als das zu glauben. Auch wenn diese Naivität eigentlich zum Himmel schreit. Ich kann jeder Zeit gehen, wenn ich will. Mich hält keiner hier, aber ich sehe es als unnötig an, denn ich fühle ich sicher. Es ist warscheinlicher einer heiligen Kuh überrannt zu werden, als dass mir hier etwas passieren könnte – ehrlich! Außerdem sollte man mal die Warscheinlichkeit ausrechnen, dass man unmittelbar betroffen sein könnte. 1 zu 1´400´000´000!!! Hinzu kommt eine örtliche Distanz nach Mumbai, die in etwa der Entfernung von Leipzig nach Madrid oder Sachsen nach Sibirien gleichkommt. Außerdem der Fakt, dass die Konservativen Splittergruppen und Exremisten in Mumbai und deren Provinz stark ausländerfeindlich gestimmt sind (besonders gg. die USA), so dass dieses Phänomen auch lokale Wurzeln hat und nicht über Indien verbreitet ist. Diejenigen, die sich Sorgen machen, entspannt euch also mal getrost. In Deutschland schiebt auch keiner Paranoia, nur weil ein Mullah zur WM 2006 ne Kofferbombe hochgehen lassen wollte, oder weil in Spanien die ETA mal wieder zugeschlagen hat. Man sollte hier viel mehr Stirn zeigen und solche Leute zum Teufel oder in die Pampa jagen… Aber bitte nicht in die pakistanische Pampa, wo sie ohnehin schon herkommen! (laut gedacht!) 😉

Beschäftigen wir uns also lieber mit den wichtigen Dingen – zum Beispiel denen hier: >>LINK<< Wirklich Unglaublich, was Deutschlands Revolver-Blatt da gestern als Schlagzeile hatte. „Dümmer geht´s immer!“ anstelle von „Bild dir deine Meinung!“… Aber immernoch besser als Bollywood! 🙂

Und wer sich jetzt noch nicht ablenken konnte, der genießt >>die Bilder vom letzten Wochenende!<< Es gibt nämlich auch schöne Bilder im Moment aus Indien, vergeßt das nicht!

So, ich muss… Die Schulputzfrau kommt gerade rein! 😉 (Der Letzte macht das Licht aus!)

Stay tuned und paßt auf euch auf, vor allem jetzt in der gefährlichen Weihnachtsmarkt-Vorweihnachtsz-Glühwein-Zeit, ist gefährlich bei euch!!!

Michael