Driving Home for Christmas

Abschiedstour, die Erste! Noch zwei Tage bis Heiligabend und wer denkt, dass man im „fernen“ Indien vom Weihnachtsstress befreit lebt, der irrt. Gerade komme ich rein von einer Hardcore-Weihnachtsgeschenke-Tour mit Erik und Sebastian, die es wirklich in sich hatte. Naja, immerhin ist der Sack / Trolley zu 90% fertig gefüllt und „Santa M.“ ist so gut wie auf den Socken nach Leipzig um die lieben und artigen Homies zu beschenken… Überlegt euch schon mal alle ein gutes Gedicht oder Liedchen, ansonsten bleibt der Sack zu! 😉

Naja, wie wir alle wissen sind Geschenke ja nicht das Wichtigste an Weihnachten. Ich persönlich freue mich eigentlich am meisten auf meine Familie, meine Freunde und die Ruhe, die man hier nur selten bis gar nicht hat – zum Einen, weil man einfach in einer anderen Welt lebt, die mit der vertrauten Welt zu Hause einfach nicht zu vergleichen ist und weil man natürlich auch nichts verpassen will von dem, was hier so abgeht. Nicht umsonst nennt mich unser Schulkoch schon seit Monaten „Urlauber“ (mit einem echt geilen französischen Dialekt) und beteuert mir immer wieder, dass er noch nie einen Praktikanten gesehen hat, der so viel und oft am Wochenende rumgereist ist, wie ich. Ok, die letzten Wochen waren vielleicht wirklich zu Hardcore, man sieht und hört es an meinem gesundheitlichen Zustand im Moment (ich huste immer noch wie ein indischer Rickshawfahrer). Das Schlafdefizit habe ichausgleichen können – seit Samstag sind nun offiziell Ferien – meine zweiten in Delhi, aber die ersten, die ich als Lehrer mehr als nur herbeigesehnt habe. 😉 Mit meiner Arbeit bin ich vollends zufrieden – ich habe die letzten Monate jede Menge dazugelernt und mich weiterentwickeln können und das in einer Form, die zu Hause warscheinlich erst im Referendariat möglich gewesen wäre. Meine Mentoren sind mit mir zufrieden, was auf Gegenseitigkeit beruht, das Feedback der Schüler fällt durchweg zufrieden aus und überhaupt – ich fühle mich an der Schule sehr wohl. Warum also ins neue Jahr mit Vorhaben und guten Vorsätzen schauen, wenn man nach einem zwar recht stressigen Jahr mit allerlei Höhen (erfolgreiche Ablegung der Fachpraktischen, zwei erfolgreiche Umzüge, viele neue Freunde und Bekanntschaften) und Tiefen (Trennungen (auf Zeit), Verlust der erste eigenen Bude, leider auch zwischenmenschliche Enttäuschungen) trotzdem ein durchaus positives Resümee ziehen kann. Warum also nicht einfach weiter so machen wie bisher? Das wird mein Vorsatz! Things running well, so why should I change? – Indien verändert einen genug, man lernt viel über sich selbst, über die Menschen und leider auch über die Mißstände in unserer Gesellschaft. Ich habe hier in den letzten vier Monaten viele schöne, leider aber auch viele unschöne, z.T. sogar schreckliche Eindrücke über das Land und über unsere Welt bekommen. Angefangen bei der allgegenwärtigen Armut in Indien, über die Terroranschläge im September und November, die mich ehrlich gesagt mehrmals an der Sicherheit meines Aufenthaltes hier haben zweifeln lassen; bis hin zu den schwelenden Konflikten und Krisen in Europa und der Welt (Afghanistan, Irak, Kaukasus, Israel etc.). Solche Eindrücke prägen einen und ich habe in den letzten Wochen immer mehr mitbekommen, wie sehr wir Deutschen doch auf einer Art „Wolke 7“ schweben und dass es uns im Verhältnis zu anderen Menschen in dieser Welt sehr sehr gut geht. Wir müssen uns keine Gedanken machen, was es morgen zu Essen gibt, ob es überhaupt etwas gibt, dass wir morgen noch kräftig genug sein werden um aufzustehen. Wir haben keine existenziellen Probleme, wir machen uns Gedanken über unsere Wertanlagen in Zeiten von Rezession und Wirtschaftskrise, verzweifeln an Spritpreisen und finden es interessanter, was Boris Beckers Verflossene so treibt, als mal über den Tellerrand zu schauen und Kinder ohne Kleidung sehen, die einen total verdreckt und voll aus Leim, den sie tagtäglich schnüffeln, nach ein paar Rupien oder etwas Essen fragen. Wir überlegen uns wohin im nächsten Jahr der Sommerurlaub geht, während man im Südossetien vor brennenden Häusern steht und in Delhi wieder tausende Menschen die Nacht im Freien und nur mit einer spärlichen Decke bekleidet, verbringen müssen. Verdammt, solche Erfahrungen und Eindrücke kotzen einen auf die Dauer an, weil man einfach nichts ändern kann und statt endlich miteinander solche Probleme anzugehen, gießt man immer wieder Öl ins Feuer und überlegt schon, wie und wo man als nächstes einmarschieren kann. Unter welcher Flagge ist dabei scheißegal – hauptsache es steht „Change“ oder „Freedom“ darüber, dann wird die ganze Seuche schon irgendwie zu rechtfertigen sein. Ich weiß in jedem Fall, dass unser Wohlstand in vielen Fällen eben auf solchen Ungleichheiten beruht und wir nur aufgrund dieser unseren Wohlstand halten können. Scheisse, aber so schnell nicht zu beheben! Man selber ist ja viel zu sehr Teil von diesem ganzen Kreislauf. Jedenfalls denke ich momentan mehr als üblich über solche Dinge nach, sie beschäftigen mich und das nicht nur, weil sie allgegenwärtig sind, aber deswegen vielleicht besonders intensiv!

Ok, Ende der „Die-Welt-Ist-Schlecht“-Schreiberei. Mein größter Wunsch zu Weihnachten ist daher vielleicht auch recht naiv, als auch abgelutscht. Wenn wir schon solche Probleme nicht mal eben so in einer Legislaturperiode beheben, geschweigedenn lindern können, warum versuchen wir dann nicht wenigstens friedlich miteinander umzugehen? Es gibt keine „besseren“ oder „schlechteren“ Menschen, es gibt kein „gut“ und „böse“, es gibt keinen „falschen“ oder „richtigen“ Glauben. Dialoge haben schon immer mehr gebracht als fliegende Fäuste oder Bomben. Ein altes Hippiesprichwort: „Bombing for peace is like fucking for virginity“ (Bomben für Frieden ist wie Ficken für Jungfräulichkeit), daher mein Wunsch:

Ich wünsche mir, dass die kommenden Tage / Wochen / Monate ein bischen Frieden und Ruhe in unsere momentan sehr aufgebrachte, gereizte und angespannte Welt bringen – dass Indien und Pakistan einen friedlichen gemeinsamen Weg miteinander suchen und finden werden, dass das sinnlose Gebombe und Getöte in Afghanistan, im Irak und überall sonst auf der Welt endlich aufhört und man sich endlich wieder an einen Verhandlungstisch setzt und friedlich über seine Probleme mit dem Gegenüber spricht. Die Leidtragenden sind ohnehin immer die Schwächsten der Schwachen. Das haben wir, und speziell wir als Deutsche schon genug aus der Vergangenheit erfahren dürfen.

Mehr wünsche ich mir nicht!

Ich freue mich total auf die Tage zu Hause, freue mich wie gesagt auf meine Freunde, auf meine Familie und am allermeisten freue ich mich auf meinen ganz persönlichen Weihnachtsengel, der schon seit August eifrig die Tage zählt, bis wir uns wieder sehen – und diesmal in echt und nicht über Skype oder Telefon. Ich freue mich auf ein paar erholsame Tage fernab allen Trubels und Stresses hier in Delhi, auf die Sauberkeit zu Hause, auf die Ordnung und Ruhe, die man warscheinlich erst zu schätzen lernt, wenn man sie nicht hat, auf einen von Muttern aufgesetzten Weihnachtsbraten, auf eine heiße Badewanne (!!!), einen echten Filterkaffe und ein ordentliches Brötchen zum Früstück. 🙂

Ansonsten bleibt mir nur noch ein kleiner Ausblick auf 2009: Der Blog hier wird umziehen und die Seite wird sich abermals verändern. Ich habe mir vor Kurzem eine .de-Domain gesichert, auf welcher ich noch bis August den Blog fortführen werde. Was danach kommt, bleibt noch geheim – es wird in jedem Fall alles ein wenig multimedialer und interaktiver sein und ein wenig meinen „künstlerischen Werdegang“ der letzten Jahre in Augenschein nehmen.

Ich wünsche euch allen also ein paar ruhige und erholsame Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2009. Macht das Beste aus der Zeit und wir lesen uns im kommenden Jahr dann wieder, wenn ich wieder von der „privaten Bildungsfront“ in Neu-Delhi berichten werde. Dann wird es auch wieder einen ordentlichen Batzen Bilder geben, denn aufgeschoben ist ja nicht gleich aufgehoben!

Zum Abschluss noch ein kleiner Track, der besonders meinem Weihnachtsengel gefallen dürfte und der thematisch einfach zu gut passe, als dass ich ihn hier weglassen könnte.

Also, bis dahin! Frohe Weihnachten wünscht euch

Michael

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