Die Geschichte vom alten Mann in Mönchsrobe

Das Indien ein Schmelztiegel aller Weltreligionen ist, und dass der Hinduismus und der Islam hier warscheinlich die Masse ausmachen, weiß jeder halbwegs belesene Wikipedia-Junkie. Dass der Buddhismus aber auch seine Wurzeln in Indien geschlagen hat, dass Buddha hier seine Erleuchtung gefunden hat und dass Dharamsala das Exil-Lhasa der von den Chinesen unterdrückten und z.T. auch verfolgten Tibeter ist, wissen nur die wenigsten. Und wenn man sagt, dass in Dharamsala auch „Seine Heiligkeit, der Ozean des Wissens, der XIV. Dalai Lama“ lebt, dann wissen das womöglich nur noch eine handvoll Leute.

Die buddhistische Religion und deren Kultur interessiert mich nicht erst seit Nepal und da der Norden Indiens auch in vielen Gebieten von eben diesem geprägt wurde, geht es hin und wieder auch hierher (aber nicht etwa um Erleuchtung zu suchen, sondern zum Abspannen). Der gestrige Samstag war allerdings eines meiner absoluten Highlights hier in Indien in punkto „Michael meets…“. Manchmal lohnt es sich doch, wenn man hartnäckig bleibt. Nachdem ich am Freitag von einer Kollegin eine Email erhalten habe, in der die „Jamia Millia Islamia“, Delhis größte muslimische Universität, zu einem Kongress geladen hatte, bei dem der Wandel und das Verhältnis zu den Weltreligionen nach dem 11.September 2001 aus der asiatischen Perspektive zum Thema stand, war es vor allem eine Zeile, die mein Interesse (und warscheinlich auch das von vielen Anderen) weckte – „His Holiness, the 14th Dalai Lama, will give the opening speech“ – Der Dalai Lama höchstpersönlich in Delhi – ein Ereigniss, dass ich mir auf keinen Fall entgehen lassen wollte. Und so kam es, dass ich zu höchstunchristlicher Zeit (8.30Uhr an einem Samstag!!!) meinen Allerwertesten aus dem Bett erhob und mich mit Katrin (Leipzig!!!) vor dem Auditorium traf um eben dieser Eröffnungsrede beizuwohnen.

Okay, da man aber auch in Indien das Geschäft mit der Bildung schon längst entdeckt hat, wollte man uns natürlich auch gerne für den 3-tägigen Kongress gewinnen und der sollte stolze 100US$ kosten. Jedenfalls ging es nach ein paar Gesprächen mit diversen Organisatoren dann doch ins Auditorium und nach erfolgreicher Filzkontrolle am Einlass saßen wir beide in fünfter Reihe zentral vor den Podiumsgästen und warteten auf „HH“ (His Holiness). Anstoß zum Kongress sollte 10.30Uhr sein und da der Buddhismus ja unter anderem auch für seine Ruhe und Gelassenheit bekannt ist, zögerte sich alles auf ca. 1h Verspätung hinaus.

Als alle Saal-Anwesenden sich erhoben und ein leichtes Raunen durch die Reihen ging, war klar, dass ER jetzt da ist – mit gebücktem Gang und allerlei Begleitern sowie dem gesamten Kongress-Gremium stand er auf einmal auf der Bühne – Tenzin Gyatso – Seine Heiligkeit – Ozean des Wissens – Der 14. Dalai Lama, in den 1950ern aus Tibet von den Chinesen vertrieben, über den Himalaya geflüchtet und letztlich in Dharamsala eine neue Bleibe gefunden, stand er auf einmal leibhaftig vor einem – die Reinkarnation Buddhas. Jeder kennt ihn, jeder weiß wie er aussieht und trotzdem war der Mann, der da vorne stand alles andere als seine Heiligkeit – er wirkte auf mich wie ein alter, gebrechlicher Mann, der es versteht Witze zu machen, daher äußerst sympatisch wirkt und stets ein leichtes Grinsen im Gesicht trägt. Wirklich eine Begegnung, wie ich sie mir in diesem Riesenland nie erträumt hätte – aber der Zufall macht manchmal alles anders.

Während ich mittels Telezoom ca. 200 Bilder von allen möglichen Mimiken und Gestiken von „HH“ erhaschte, erzählte er den Zuhörern (ca. 300 Mann) alles mögliche rund um das Thema Vorurteile, Gleichheit aller Religionen, aller Menschen, Probleme und wie man sie beheben kann und und und. An seiner Seite stets ein buddhistischer Mönch, der dem Dalai Lama half, sollte er einmal nicht die richtigen englischen Worte finden, so dass er sie ihm auf tibetisch nannte und prompt die englische Übersetzung erhielt.  Was mir besonders auffiel, war die Tatsache, dass der Dalai Lama für seine Rede anscheinend keinerlei Vorbereitung hatte und aus dem Bauch heraus sprach. Die Rhetorik, Mimik und Gestik, die er hier an den Tag legte, war trotzdem so beeindruckend, dass man ihm einfach zuhören musste.

Das ganze Spiel ging dann etwa 2h, inklusive anschließender Fragerunde, wo Zuhörer seiner Heiligkeit Fragen stellen konnten zu allen möglichen weltlichen und geistlichen Themen und die er (wenn auch sehr ausschweifend) beantwortete. Jede Antwort fing irgendwo mit einem einfachen Satz an, verlief dann aber schnell in tiefe gedankliche Linien, wo man echt merkte, dass dieser Mann weiß wovon er spricht. Und ich möchte an dieser Stelle betonen, dass es nicht etwa streng buddhistische oder in irgendeiner Weise religiöse Ansichten waren, die der Dalai Lama da vertrat, sondern viel mehr menschliche Prinzipien gewaltloser und in jeder Hinsicht friedlicher Konfliktlösung waren – nicht umsonst hat sich hier mein Bild des Buddhismus einmal mehr bestätigt – nämlich, dass dieser für mich die warscheinlich „menschlichste und friedlichste“ aller Religionen zu sein scheint. Nicht zuletzt wegen der angenehmen Art und Weise des Dalai Lama, der zum Teil für mich sehr suspekten Aussagen der Redner anderer Religionen und den Tatsachen, die wir jeden Tag frisch serviert in den Nachrichten bekommen. Auch die Toleranz, die der Dalai Lama ausstrahlt und auch öffentlich zur Schau trägt, war sehr beeindruckend. Er trug beispielsweise ein muslimisches Pali-Tuch, welches er kurz vorher an der Jama Masjid, Indiens größter Moschee von einem Moslem geschenkt bekommen hatte und welches er jetzt über seiner Mönchsrobe trug – und das nicht etwa als politisches Statement (Palästinenser tragen u.a. ein solches Tuch zum Ausdruck ihrer Abneigung gegen die Juden, dt. Kids als Ausdruck ihrer Gruppenzugehörigkeit – „Krocha“) – er sagte schlicht und einfach „Ich bin nur ein einfacher Mensch, der friert und sich dieses Tuch übergeworfen hat um eben nicht zu frieren.“ Sehr sehr einprägend, war auch folgende Aussage zur Gleichheit aller Menschen – wir werden alle von einer Mutter geboren und von ihr genährt. Es gibt keine besseren und schlechteren Menschen auf dieser Erde – jeder soll seine Kinder so erziehen, wie er es für richtig erachtet, aber auf keinen Fall unter dem Gesichtspunkt anderen Menschen mit dieser Auffassung irgendwann zu schaden. Religion sollte nicht über den familiären Rand hinausgetragen werden, so sein Statement, was in einer Welt voller Glaubenskriege aber schwierig ist, denn die Karten scheinen so gut wie alle ausgeteilt zu sein und es bleibt in erster Linie die Hoffnung auf die menschliche Vernunft.

Ich möchte hier nicht in Einzelheiten aus den verschiedenen Reden verfallen. Es war in jedem Fall ein sehr interessantes und vor allem sehr informatives Zusammenkommen zwischen dem Dalai Lama und den verschiedenen geistigen Vertretern aus Religion und Wissenschaft. Am schönsten war die Athmosphäre, dass alle Vertreter gemeinsam miteinander geredet haben und keiner dem anderen auch nur irgendein Vorurteil gegenüber hatte. Wirklich beeindruckend und leider viel zu wenig praktiziert in unserer Welt – die besten Beispiele liegen ja auf der Hand – Israel, Afghanistan, Irak… Die Liste wäre lang, wenn man alles aufzählen müsste. In einem kann ich dem Dalai Lama nur zustimmen, nämlich dass es die Inder schon über 1000 Jahre lang geschafft haben auf ihrem Subkontinent alle Religionen dieser Welt zusammenzubringen und ein Zusammenleben möglich ist, wie dieses Land es ja augenscheinlich verkörpert. Diese Leistung sollte nicht unterschätzt werden und vor allem darf man sich durch die in letzter Zeit immer häufiger auftretenden Konflikte nicht davon abbringen lassen diesen Dialog und dieses Zusammenleben zum Erliegen zu bringen. Ist der Dialog erst einmal abgerochen, ist Gewalt nicht mehr weit – eine Erfahrung, die wir alle bestätigen können und zu der es nicht kommen soll.

Wünscht man also auch mir morgen auf dem F.F.R.O. (Ausländer-Registrierungsbehörde) viel Erfolg, dass auch hier der Dialog fruchtet und ich mein Visum verlängert bekomme, ansonsten heißt es kommenden Freitag Koffer packen und ab ins Ausland, was ich nicht hoffen möchte.

Ein paar Bilder vom Kongress gibt es >>HIER<<.

Es grüßt aus Delhi

der Erleuchtete 🙂

Update (23-01-2009): Ein wirklich sehr gut geschriebener und absolut den Tatsachen entsprechender Artikel zu einem ganz anderen Problem, nämlich zu Indiens allgegenwärtiger „Service-Class“ findet ihr auf diesem Link. (Weiterleitung zu Bennis Blog)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: