Agra² = 3 x Königin + Haremsführer

…und frei nach dieser nicht ganz stimmigen mathematischen Formel a´la Mathegenie Meinerseits ging es am frühen Samstagmorgen zu Indiens Sehenswürdigkeit Nummer 1 – im Gepäck: mein Harem (ja, wieder die 3 liebreizenden Damen von nebenan) und meine geliebte Kamera.

Indische Zugstrecken sind weit und wenn man Zeit hat und der Zug mal wieder eine Stunde nach der anderen Verspätung herausfährt, dann kommen so manche Themen auf. Ein Zitat, was mir besonders imponiert hat, und welches ich bis zu diesem Samstag nachvollziehen konnte, stammt von einer Mitarbeiterin der deutschen Botschaft und Kollegin von Christina: „Agra ist ein großer Haufen Scheiße mit einer Perle drin!“

Ok, man muss nicht besonders kreativ sein, dass man diesen Ausspruch richtig interpretieren könnte: Agra = Haufen Scheiße, Perle = Taj Mahal. Nach meinem ersten Besuch in Agra im August 2008 habe ich diesen Ausspruch durchaus vertreten können. Aber zu groß war damals der Schock über die indischen Gepflogenheiten und der ungewohnten Umwelt um mich herum. Abgehärtet nach fast  6 Monaten „indischem Stelldichein“ ein Resümee: Agra ist nicht der einzige Scheißhaufen und wenn, dann nur ein kleiner.

Diesmal stand jedoch nicht das Taj, sondern das weniger bekannte Agra Fort (auch Red Fort, wegen seiner roten Mauern) im Fokus meiner Fahrt hierher. Eine gigantische Befestigung, bei der man fast noch spüren konnte, wie die Soldaten vergangener Zeiten hinter den Mauern lagen und mit Lanzen, Pfeil und Bogen bewaffnet auf den Angriff des Feindes lauerten. Im Verborgenen, der Mogul mit seiner Frau / seinen Frauen, wohlgeschützt hinter weißen Marmorwänden mit allerlei dekorativen Intarsienarbeiten, Aussichtspunkten und Grünanlagen. – Okay, soviel zum Ausflug Richtung kettenhemd-gepanzerter Soldaten inmitten blutiger Schlachten im zentralen Orient.

Im Vergleich zum Delhi Fort (ebenfalls Red Fort genannt) scheint mir dieses Fort aber bei weitem besser in Schuss zu sein – keine abplatzenden Fassaden, verwilderte Grünanlagen samt schlafendem Wachpersonal. Vielleicht auch die Tatsache, dass man hier in großer Konkurrenz zum Taj steht und man auch als Ausländer nur die richtigen Argumente bringen muss um den Inder-Preis zu zahlen. In meinem Fall waren das „3 Jahre als Resident in Delhi an der Bildungsfront“ und schon waren statt 300Rp. Eintrittsgeld 20Rp. fällig – ein trauriges Zeugnis indischer Rassenpolitik (weiß = Geld = mehr Eintritt)… Ein Thema, bei dem ich mir bereits mit Christina die Köpfe heiß geredet habe. Ginge es danach, sollte man bitte auch in Berlin auf der Museumsinsel für Ausländer den doppelten / dreifachen Eintritt verlangen. Meine Meinung! 😉

Egal, erstmal drinnen im Fort, hat man echt das Gefühl in einer Art Ruheoase gelandet zu sein. Mal keine hupenden, dröhnenden Verkehrslawinen um einen, dafür schöne Mogularchitektur aus dem 16.-17. Jahrhundert, bei der man sich immer wieder gefragt hat „Wie haben die das damals nur gemacht!“ – kunsthistorische Bildungslücke würde der Eine meinen, der Andere ist einfach nur perplex. Am „perplexesten“ war dann aber vielleicht auch der Blick aufs Taj von der Königsbank, quer über den Yamuna-River. Eine ausiebige Fotosession mit allerlei Posen, vielen Indern und vielen „Familienbildern mit weißem Mann / weißer Frau“ später, ging es direkt im Anschluss im stilechten Großmogul-Ponykremser zum Taj, wo erstmal ausgiebig dinniert wurde. Naja, und ab diesem Zeitpunkt waren dann die Damen der Schöpfung nicht mehr zu bremsen und sie zog es ins Taj, was ich mir erspart habe, immerhin war ich ja bereits im August letzten Jahres mit Sinja und Oli hier unterwegs und auch wenn doppelt für gewöhnlich besser hält – einmal reichte mir in diesem Fall. Die Mädels konnten ihren Prinzessin- / Königinträumen nacheifern und das schönste Bild vorm Taj schießen lassen, ich habe es vorgezogen nach bereits 5 Chais an diesem Samstag noch zwei weitere zu trinken und konnte dabei ein paar Einblicke in indische Familienalben und Gastronomieunternehmen erhaschen. Der Wirt, ein 45-jähriger Halbtürke mit ziemlich derber Alkoholfahne lockte mich in sein Lokal und ehe ich mich versehen habe, stand auch schon der erste Becher Chai Masala auf dem Tisch. Dann der übliche Smalltalk und dann ein tiefgreifendes Gespräch in die Reisevergangenheit des guten Herrn, samt heldenhafter Posen vor Wasserfällen, im Schnee liegend, mit Blume im wilden Männerhaar und in den unmöglichsten Schlaghosen der 70er, 80er und 90er Jahre. Eindrucksvoll und interessant zugleich – immerhin sieht man mal worauf Inder so abfahren, wenn sie in den Urlaub fahren!

Wenig später dann ein paar ernstere Einblicke in den Alltag eines indischen Gastronoms nach 26/11 (das Synonym für die Terroranschläge in Mumbai im November 2008). Bei ihm seien die Einnahmen drastisch zurückgegangen, ebenso bei seinen Kollegen um das Südtor zum Taj Mahal. Angesichts der leeren Restaurants rund um das Taj, scheint diese Aussage auch zu stimmen – es waren meiner Meinung nach verdammt wenige Touristen im Vergleich zum August 2008 um das Taj unterwegs – und das trotz Trockenzeit.

Der Heimweg war dann weniger spektakulär – wieder ordentlich vollgestopft worden, permanent klingelnde Handys um einen herum (Wer hat den Indern den polyphonen Klingelton anvertraut???) und jede Menge Schnarchgeräusche nach dem Essen, trullerte unser Zug kur nach 11Uhr in Delhi ein. Mission erfüllt – Agra ist in einem Tag angenehm zu bereisen!

Sonntag dann endlich einmal etwas Sightseeing in Delhi – nach 3 verstrichenen Monaten ohne eine einzige Sehenswürdigkeit, war es mal wieder Zeit die lokale Flora und Fauna zu erkunden und so stand ein Ausflug zur Jama Masjid an – Indiens größter Moschee. Zugegeben, im Land der kulturellen Superlativen war sie dann doch nicht so groß wie erwartet, aber trotzdem beeindruckent. Beindruckend allerdings auch wieder das Spiel „Weißer Touri – Indertouri“, denn hier kassiert man auch an jeder Ecke ab – 200Rp. Kamera, 100Rp. Eintritt, 20Rp. Schuhe (Man darf ja gewöhnlich nur barfuß den heiligen Boden Allahs betreten…)

Zufälligerweise unterrichte ich gerade eine Einheit zur Ausbreitung des Islam in der Schule und dass sich da auf Anhieb ein paar Parallelen gefunden haben, war vielleicht nicht ganz zufällig. Der Kalif Omar (634-644) predigte seinem Gefolge: „Bekämpft diejenigen, die nicht an Gott und den Jüngsten Tag glauben und die nicht verbieten, was Gott und sein Prophet (Mohammed) verboten haben (…), bis sie die Steuer in Demut entrichten und sich unterwerfen. (…) Auferlege ihnen also die Steuer, aber mache sie nicht zu Sklaven, und verbete den Muslimen, sie zu unterdrücken, ihnen Schaden zuzufügen oder ihren Besitz zu verzehren.“ – Das Zitat fand hier also in der Praxis Anwendung, wurde aber mit einem eindrucksvollen Getümmel im Inneren belohnt. Und hey, wann hat man schon mal die Möglichkeit ein Minarett zu besteigen, auf dem es so eng ist, dass jeder Schritt dein letzter sein könnte!? 😉

Dieser war wirklich eindrucksvoll und aufgrund der Tatsache, dass Schuhe in Moscheen verboten sind, hat sich beim Aufstieg auf die Plattform zumindestens mein lange Zeit unterdrücktes Begehren nach deutschem Käse erledigt – zu stark waren die Käsefußwolken im Inneren des Minaretts, die einem beim Aufstieg in die Nase krochen!

Auf dem Nachhauseweg ging es dann durch Old Delhi, jenem alten Stadtteil, den man eigentlich mit dem Namen „Delhi“ meint, den man aber nicht vor Augen hat, wenn man von „Delhi“ spricht. Ein ziemlich heruntergekommenes Viertel, mit Leben in den Straßen, dass es 24/7 Tag zu sein scheint. Sehr beeindruckend und bedrückend zugleich, wenn man wieder einmal sieht, wie Menschen tatsächlich in einer solchen Millionenmetropole leben. Unglaublich und auf jeden Fall einen Ausflug wert! Und in Begleitung meines neuen Kollegen Yannick ganz spaßig, zumal er als „Newbie“ die ganzen Inder abfängt, die Fotos wollen und mit welchen er sich (noch) geduldig unterhält…

Den Abend verbrachte ich dann mit Sebastian (Lufthansa), Erik (Metro-Maulwurf) und Fabian (BMW) in einer entspannten Live-Musik-Bar. Schönes Oldiegeträller auf Wunsch und ein paar Bierchen später dann das Resultat eines entspannten Wochenendes in und um Delhi – „Das war der letzte Samstag und  Sonntag in Dirrrty Delhi!“ – Die kommenden Wochen sind wieder voll mit Touren ins Umland!

In diesem Sinne: Auf die verbleibenden 7 Wochen in Indien!

Cheers, big ears!

Agra Fort und Jama Masjid: (ganz ohne Eintrittsgelder) >>HIER<<

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