Kurvenreiche Koala-Jagd

Schon fast wieder Wochenende und bevor ich mal im Waschsalon nach meinen sieben Sachen schaue, die schon seit gut einer Stunde in der Maschine vor sich hingammeln, schreibe ich hier noch fix ein paar Zeilen.

Das letzte Wochenende war wahrscheinlich eines der besten überhaupt bisher in Australien. Das mag zum Einen daran gelegen haben, dass Wonni die schlappen 3000 km auf sich genommen hat und nach Melbourne gekommen ist, zum Anderen auch daran, dass ich mal rausgekommen bin aus diesem Arbeit-Hostel-Kneipen-Trott, der mich seit Anfang an in seinem „Bann“ hält und aus dem ich aus diversen Gründen auch nicht rauskomme. Jedenfalls bleibe ich jetzt bis zum bitteren Ende im Hostel wohnen, die Preise sind einfach zu unverschämt für die schäbigen Zimmer, die einem hier für knappe 110€ die Woche angeboten werden. Und mit meinen drei Zimmergenossen (1 Kiwi, 1 Aussie und 1 Sri Lanker (???) ) ist es auch ganz spaßig, zumal jeder irgendwie so seine Eigenarten auf den geschätzten 20 Quadratmetern Zimmer, die wir uns teilen, auslebt. Was soll´s also. It´s good fun!

Wo waren wir? Letztes Wochenende – richtig! Es stand auswärtiger Besuch ins Haus und Wonni und ich haben uns aufgemacht um die knappen 200 km der Great Ocean Road abzufahren – Ottway Nationalpark eingeschlossen. Am Ende waren es sagenhafte 706 km Fahrtstrecke, 2 mal Wegstrecke der Great Ocean Road und unzählige Fotostopps, Pinkelpausen und Koalasessions. Koalasessions? Richtig, nach 2004 – wo wir bereits verzweifelt nach wilden Koalas gesucht haben und keinen einzigen wilden Beutler gesehen haben, haben wir diesmal voll ins Schwarze getroffen und nicht nur ein paar, sondern gleich massenhaft der kleinen putzigen „Bärchen“  in den verschiedenesten Posen und auch Aktivitäten gesehen (Bärchenkenner wissen, dass diese Bezeichnung falsch ist – Wurscht!). Aber von Anfang an!

Freitag kam Wonni an – Queensland hat am 1. Mai einen Feiertag, Victoria (mein derzeitiger Bundesstaat) leider nicht. Daher ging es am Abend erstmal quer durch Melbourne und nach Chinatown zum Abendessen. Da es das Schicksal an diesem Freitag gut mit mir meinte, legte es mir auf dem Nach-Hause-Weg von Arbeit einen australischen Reisepass nebst 2 x 50 A$-Scheinen auf den Weg. In Zeiten knapper Kasse natürlich sehr willkommen und der Abend  und die Nacht gingen somit auf meine Kappe. Danke, liebe Verliererin, deinen Pass kannst du dir gerne bei mir abholen,  ansonsten kannst du ihn dir gerne im Fundbüro abholen.

Samstag Morgen dann ein zeitiger Checkout aus dem wahrscheinlich saubersten Hostel in dem ich bisher war, dem YHA Melbourne Metro. Auto mieten und dann auf zum Sightseeing um Melbourne, u.a. St. Kilda und ein bischen Verkehrs-Wirrwarr im Central Business District. Hier haben die Stadtplaner mal wieder nur so vor Inkompetenz gestrahlt, denn in dem Einbahnstraßen-Durcheinander braucht man schon eine Weile, bis man da ist, wo man ursprünglich hinwollte.  Die Verkehrsführung ist mindestens ebenso sinnvoll gestaltet wie das Straßenbahnsystem, die jeden Morgen zur besten Rush-hour Straßenbahnen schickt, die nur einen Waggon haben und die dann natürlich vollgestopft sind wie ein eine Thunfischdose. Zum Glück fahre ich so ziemlich von Anfang bis Ende durch und bekomme alle morgendlichen Gerüche und Berührungen in vollen Zügen zu genießen. In jedem Fall waren wir dann irgendwann gegen Nachmittag vor dem Portal der Great Ocean Road – ein typisches Poserbild mitten auf der Fahrbahn vor dem Tor und dann auf in die 170 km kurvenreiche Strecke, die den Kotzpegel so richtig zum Maximum treiben und die besten Achterbahnen nicht mithalten läßt. Die Fahrt blieb trotzdem frei von Erbrochenem, aber beinahe nicht ganz frei von unfreiwilligen Wildunfällen. Australiens Straßen sind da ein wenig gefährlicher als die Dämmerungsfahrt durch den Leipziger Auenwald, immerhin hüpft hier schnell mal ein Känguruh oder ein Hase vors Auto und wie wir auf Tasmanien erfahren haben, auch recht häufig. Jedenfalls waren es diesmal keine Känguruhs, sondern viel mehr ein niedlicher kleiner Koala, der seelenruhig und suizidgefährdet auf der Fahrbahn saß und im Lichtkegel unseres Mietwagens goldig uns entgegenglotzte. Eine Vollbremsung, ein paar wirre Worte und da war er – unser erster Wilder Koala. Dass „Koalaexpertin“ Yvonne völlig aus dem Häuschen war und aus irgendwelchen weibischen Quietschgeräuschen nicht mehr rauskam und sofort aus dem Wagen sprang, kann man nur zu gut nachvollziehen. Die männliche Intelligenz (!) veranlaßte mich dann doch noch die Warnblinkanlage anzuwerfen, Handbremse anzuziehen und erst dann auszusteigen. Immerhin kam weit und breit kein Auto, es war schon dunkel und wir beide waren einfach zu verdutzt über den Kollegen da auf der Fahrbahn. Einige Bilder später und ein paar Aufschreckgeräusche später (damit der kleine Kerl sich von der Fahrbahn verdrückt) ging es auch schon weiter, aber in einem Tempo, dass selbst den langsamsten Rentner zur Weißglut gebracht hätte. „Fahr in Australien nie bei Nacht oder es kracht!“ – Da ist was Wahres dran, und trotzdem haben wir es noch in unser Backpackers gebracht und erstmal richtig gefuttert und geschlafen. Sonntag Morgen dann der eigentliche Teil unserer Fahrt – die Strecke bei Tageslicht und hin und wieder sogar Sonnenschein. Wie 2004 hat es auch diesmal bei den 12 Aposteln (die seit 2005 eigentlich nur noch 8 sind) geregnet wie verrückt, aber gleich als wir wieder im Wagen saßen kam die Sonne und die restlichen Attraktionen der Strecke waren in ein warmes, aber maritim-windiges Wetter getaucht. Sehr schön anzuschauen, vor allem die vielen Farben von Felsen, Ozean, Sand, Himmel und Grünzeugs kamen gut heraus. Wirklich spektakulär waren aber auch diesmal die hammergeilen Auslicke aufs Meer und die Küstenstrecke selbst. Ich habe es sehr genossen, Wonni auch, immerhin ging ihr Kopf ständig hin und her. Aber Irland hat damals seine Spuren hinterlassen und wir haben ständig verglichen mit dem Cliffs of Moher oder den vielen Küstenfahrten auf der grünen Insel.

Als absolutes Highlight möchte ich jedoch die Fahrt in den Otway Nationalpark aufführen. Kollegen und Eltern von meiner Praktikumsstelle haben mir diesen Park als Hotspot für wilde Koalas empfohlen und nachdem wir ja nun wirklich heiß darauf waren noch weitere wilde Koalas zu sehen, ging unsere Fahrt natürlich hierhin. Man biegt einfach von der Great Ocean Road auf guter halber Strecke ab und ist sofort im Park. Überall Eukalyptus-Bäume und sattes Grün – nur zu perfekt für die kleinen Beutler und verkehrstechnisch sehr ruhig gelegen um seinen Eukalyptus-Rausch auszuleben. Wir also mit geschärften Augen und Schritttempo in den Park und keine 10 km später der erste Aufschrei von Yvonne – Koala-Alarm! Bremsung, links ranfahren und raus in den Busch. Tatsache, oben in den Gabeln der verrenktesten Bäume saß tatsächlich einer. Ein Blick nach links und rechts ließ das Ausmaß dieser Bevölkerung augenscheinlich werden – überall Koalas in den Bäumen. Wonni kam aus ihrem Rufen gar nicht mehr heraus und auch ich habe es irgendwann aufgegeben mitzuzählen. Irgendwann zwischen 30 und 40 wird es wohl gewesen sein. Irgendwann ging es dann weiter Richtung ältestem Leuchtturm Australiens – hier eine weitere Feststellung, dass die Australier wirklich jedes noch so kleine Stückchen ihrer lächerlichen 200 Jahre Geschichte gnadenlos zu Geld machen und ein kurzer Spaziergang und dann zurück zu den Eukalyptuswäldern. Ein kurzer Abbieger und schon waren wir wieder mitten im spätnachmittaglichen Tagesprogramm der flauschigen Dauerhänger. Eukalyptus-Wettessen, urkomisches Gekratze, hin und wieder Gekletter in den Bäumen. Es ist wirklich unglaublich wie sehr sich die kleinen Kerlchen in die hohen Äste wagen, die kaum dicker sind als 2 cm, sie selber sind ja auch nicht die leichtesten. Interessant auch das Tempo in welchen die Burschen die Äste leer fressen. Wir haben unter einem Baum geparkt, über dem direkt ein Koala saß und an einem Ast fraß. Als wir keine 30 min wieder an dieser Stelle vorbeikamen, waren kaum noch Blätter an (Achtung!!!) dem gesamten Baum. Entweder hatte der Kollege großen Hunger, oder einfach nur einen Affenzahn drauf bei seinen 2 h Tagesprogramm – mehr machen die Tierchen nämlich nicht, außer Eukalypusfressen, Rumhängen und hin und wieder ein paar Paarungsversuchen. Interessant auch die Feststellung, dass nur ein Koala auf einem Baum sitzt. Das typische Wildpark-Bild ist also nur inszeniert oder durch Platzmangel hervorgerufen – mehr als 2 Koalas auf einem Ast. Wilde Koalas sitzen einzeln und brüllen sich höchstens untereinander Nachrichten zu. Ausnahmen sind Koalas mit ihren Jungtieren – auch hier haben wir ein Paar gesehen.

Gut, soviel zu unseren Koala-Studien vom Wochenende – als Fan könnte man die Beobachtungen jetzt noch endlos weiterühren. Die Fahrt ging irgendwann auch weiter und der Koala, der an einer Kreuzung dann noch herabkletterte um den Baum zu wechseln, war nur ein weiteres Highlight dieses wirklich naturbelassenen Wochenendes, an dem nur wir die Umwelt mit den 120 Pferdchen unseres Mietwagens verpesteten. Sonntag-Abend dann die Ankunft in Melbourne und nach der ganzen Fahrerei und Aufregung nur noch ab ins Bett. Montag dann schnell arbeiten, während Wonni mal wieder der Shoppingsucht verfiel und Melbournes Surferläden plünderte. Den Nachmittag und Abend sind wir dann noch gemeinsam durch Melbourne geschlendert. Ein kurzer Ausflug über einen Teil der Formel 1-Strecke (zu Fuß!!!) und die Boxengasse inklusive. Am Abend dann das gleiche Szenario wie jeden Abend – todmüde ins Bett. Dienstagmorgen dann wieder zeitig raus und Wonni zum Flughafenzubringer gebracht, dann wieder zu meinen Jungs ins 4-Mann-Zimmer, die alle noch von ihren Nachtschichten im Tiefschlaf lagen und dann erstmal auf Arbeit. Nicht wirklich spektakulär, aber so ging ein wirklich schönes (verlängertes) Wochenende zu Ende und da heute ja schon wieder Donnerstag ist und das Wochenende kurz bevor steht, kann ich mich gleich doppelt freuen. Immerhin bin ich morgen Mittag aus dem Schneider und fahre zum Flughafen, denn es geht nach Sydney für 2 Tage. Dann noch zwei Wochen Praktikum und dann wieder zurück nach Brisbane – die Verkürzung soll sich auszahlen, immerhin warten einige bezahlte Handwerkerarbeiten auf mich und ich kann mal unter Beweis stellen, was Vater mir in der Garage und im Garten beigebracht hat. 😉 (Homer-Zitat: „Man kann alles reparieren – mit dem geeigneten Werkzeug!“ – Insiderwitz!!!)

So langsam wird es auch hier erträglich und man unternimmt mehr und mehr – u.a. mit dem kotzenden Kiwi (Dave „The Wave“ – man erinnert sich an eine turbulente Nacht mit Erbrochenem, freier Liebe und Ballerspielen), der übrigens auch Lehrer wird und nebenbei in Jamie Oliver´s Restaurant hier in Melbourne als Ausbilder für Straßenkids arbeitet um ihnen die Kochkunst beizubringen. Bei seinen ultimativen 2 min-Nudelgerichten und kalten Dosenravioli wirklich eine Lebenserfahrung für die Streuner. Meine Pläne stehen auch schon für die noch verbleibende Zeit, aber so wirklich werde ich mit der Stadt nicht warm – zu viele Freaks und zu metropolenartig – Fast schon ein little America, was auch einige der Locals bemängeln. Kaufen, kaufen, kaufen – nicht unbedingt meine Welt. Alles muss zu Geld gemacht werden, auch wenn es keinen Cent wert ist, dazu die nicht unbedingt freundliche Art der Melbourner Locals und die Anonymität einer pseudoamerikanischen Großstadt. Neben der Jobknappheit u.a. auch ein Punkt, der viele Backpacker mittlerweile schnell wieder aus Melbourne verschwinden läßt. Es ist alles eine große Inszenierung – selbst das „alternative Viertel“ in Fitzroy, in das ich zuerst ziehen wollte, ist nichts weiter als Touristen-Nap und neben geführten „Grafitti-Touren“ und unzähligen geparkten Porsche / Hummer / Luxusschlitten vor alternativen Szenekneipen, kann ich hier nicht wirklich was mit anfangen. Studentenkonzerte von Indiebands für schlappe 30 A$ sind nicht wirklich studentenfreundlich und so sind es dann doch eher gesetztere Herrschaften in Hugo Boss-Hemden, die zu pseudo-indierockingen Klängen an ihrem Metropolitan schlürfen. Da sind mir abendliche Quatschrunden in der Hausbar mit Hong und Dave nebst bretternder Metall-Klänge lieber, als diese „neoliberale Speerspitze“ in „Melbournes (Nord-) Südvorstadt“! (Danke, Benni! Das Wort ist einfach zu großartig um es hier wegzulassen…) – Ich hoffe nur, dass zu Hause derartige Entwicklungen ausbleiben, Tendenzen sind leider  auch hier da. „Alternativ ist cool!“ – und deshalb macht man es gnadenlos zu Geld. Nicht dass ich hier den neuen Alternative-Macker raushängen lassen will, aber in Zeiten überteuerter Lokale und genügend Schund im Musik – und Kultursektor war das doch immer ein Ankerpunkt schmaler Studentenkassen und spaßsuchender Backpacker. Oder irre ich mich da? Egal, genug lamentiert. Es lebt sich halt so dahin, mein Fall ist es hier definitiv nicht, aber soviel zu meiner Einstellung im Bezug auf „Melbourne / Victoria= the place to be“ – eine Aussage, die meiner Meinung nach nicht wirklich der Wahrheit entspricht – es gibt schönere Orte in Australien, auf jeden Fall! Angeblich gitb es eine Art Sympathiestreit zwischen Sydney und Melbourne. Leute, die hier gereist sind, sind am Ende entweder „Sydney- oder Melbourne-Fan“. Nach dem kommenden Wochenende weiß ich sicher bescheid, meine Tendenz nach 2004 steht fest, aber ich will mir erst ein Bild machen.

A´propos Bilder: Da man hier jegliche Up-/Download-Funktionen im Hostel sperrt (bei dem Asiatenansturm hier nur zu gut nachzuvollziehen 🙂 ), gibt es wahrscheinlich Bilder erst wieder aus Brisbane, also in ziemlich genau 2 Wochen. Dann aber auch ne gehörige Ladung.

Und während ich hier diese Zeilen getippt habe, habe ich innerlich  doch ein wenig gehofft, dass meine damalige indische Maid um die Ecke kommt und mir mit einem Lächeln und ner Tasse Chai meine Wäsche gebügelt und zusammengelegt vorbeibringt. Nix wars, ich werd dann mal nachschauen, mittlerweile dürften die Hemden getrocknet sein.

Bis dahin viele Grüße aus dem metropoliten (und gerade deshalb eher unschönen) Melbourne.

Micha

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