„My Mom is Running the Kitchen…“

Ein kleines Anekdötchen des heutigen Abends, den ich mit Dave „The Wave“ (dem kotzenden Kiwi) in der Lygon Street hier in Melbourne verbracht habe.

Die Lygon Street beherbert das „Little Italy“ in Melbourne, also die Wahlheimat unzähliger europäischer Nachbarn und dementsprechend mit allerlei verschiedenen Pizzabuden und vermeintlichen Gourmetrestaurants. Spätestens seit der Fußball-WM sollte man ja ohnehin keinem Italiener mehr trauen, aber heute gönnen wir uns mal was und so zog es uns auf Richtung Nordmelbourne um mal wieder eine richtige Pizza zu essen. Eine Pizza, die nicht vor Fett trieft und im stillosen Pappkarton geliefert wird, sondern aus einem echten Steinofen kommt und nicht nur mit Dosengemüse belegt ist.

Angekommen (nach einer weiteren Schwarzfahrt mit Melbournes Tram 🙂 ) auf der Freßmeile ging auch gleich das italienische Gewühl los und ich hätte es ja nicht erwartet, aber Dave hat mich vorgewarnt. Aus allen Ecken kamen die Itacker gerannt mit ihren Menüs und haben einen mit Gratis-Bruscetta und Wein gelockt, damit man auch wirklich in seine Lokalität einkehrt. Eine Dame (nennen wir sie doch lieber „Animiermieze mit Hakennase“) fiel uns besonders auf. Nicht etwa wegen ihrer italienischen Markenkleidung, sondern wegen ihrer gotthäßlichen Frisur und ihrer massiven Hakennase, was darauf schließen lassen hätte können, dass sie eine Hexe ist. Jedenfalls überzeugte uns die Dame mit dem Satz „My Mom is running the kitchen and my dad makes the pasta himself!“. Dass das Etablisement ein Familienbetrieb ist, seit 26 Jahren läuft und verschiedene internationale (italienische) Stars hier eingekehrt sind, sei mal nur am Rande erwähnt. Aber dazu später noch einmal.

Dass also die Mutter der Lady Hakennase persönlich in der Küche dieser Tradidtionspizzeria steht, ist natürlich ein Qualitätsgarant, schließlich wissen wir alle seit „Mama Miracoli“, dass nur echte italienische Küchenweiber die besten Pizzen und Pastas zubereiten und im Gegensatz zu den Dosenspaghetti der letzten Wochen sollte es heute schon etwas Feineres sein. Meine Wahl  fiel auf Pizza Nummero Uno: Bocelli Speciale – Schinken, Mozarella, Spinat und ordentlich Tomate. Geschmeckt hat das Ding wirklich einwandfrei, genau wie die Gratis-Bruscetta im Vorgang. Unterhalten wurde das Ganze von unserer Pizzahexe, die die ganze Zeit im Durchgang des Restaurants Passanten mit dem gleichen Satz ansprach -„My Mom is running the kitchen!“ – (Ü: Meine Mutter führt die Küche!). Geschätzte hundert Mal kam dieser Satz verteilt auf 8 Stücken Pizza Gourmet… pardon, Bocelli Speciale. Es muss also etwas dran sein an dieser „Mama Miracoli“ hinter den Töpfen, dachten wir uns. Unsere Neugierde auf diese ominöse Pizzagöttin da im Verborgenen wurde immer größer und die Art und Weise wie die Kunden anbissen, war einfach beeindruckend.

Nachdem wir uns beköstigt hatten und bezahlt wurde, fragten wir dann doch einmal die Animiermieze, ob wir Mama Miracoli eventuell einmal persönlich kennenlernen dürften um uns für unser ausgezeichnetes Mahl bedanken zu können – immerhin hat die Frau uns mit ihrem Gesabbel völlig wild gemacht auf Mama Miracoli, die mit geschätzten 65 Jahren noch in der Küche steht und das in Zeiten von Tiefkühlpizza, Pizza Hut und Wirtschaftskrise.

„No problem!“ – ihre Antwort. Sie sei nur durchs Restaurant hinten in der Küche (wo auch sonst, du schlaues Kind!!!). Gesagt, getan. Wir wanderten los und schauten nicht schlecht in eine riesige Küche, die alles andere war, nur keine kleine familienbetriebene Feinschmeckerschmiede. Wir staunten nicht schlecht, als wir ca. 5 Gleichaltrige entdeckten, die im Akkord Pizzen belegten, Teller anrichteten, kochten und aufwuschen. 😉 Das war also unser kleines Stück authentisches Pizzavergnügen in Melbourne – eine Großkücke, geführt und gereinigt von billigen Rucksacktouristen… 😉

Die naive Frage, wo Mama Miracoli denn nun sei, konnten wir uns natürlich nicht verkneifen. „Mama Miracoli“ sei noch nie da gewesen, so einer der Küchenjungs – lediglich ein breites Grinsen und die Wahrheit: „Mama Miracoli“ gibt es gar nicht – das hier seien alles geldbrauchende Backpacker, die mit ihren entweder italienischen Wurzeln (oder den Kenntnissen aus heimischen Pizzastuben / Lieferdiensten) einen Job gefunden hatten. Das Restaurant ist nicht wirklich 26 Jahre alt und wurde vor 2 Jahren neueröffnet und wir wurden wie genau die anderen nur verarscht – einmal mehr! 😉

Geschmeckt hat es trotzdem ausgezeichnet und nach einem netten kleinen Plausch mit den gleichgesinnten geldnotgeplagten Küchenjungs ging es dann raus zur Empfangshexe, wo wir uns natürlich nicht verkneifen konnten von unserer Begegnug mit „Mama Miracoli“ zu berichten. „Sie sei eine ganz fantastische Frau und wir sind stolz eine so authentische Pizza gegessen zu haben!“ – was die Empfangshexe natürlich zu deuten wusste, im nächsten Moment aber schon wieder einen potentiellen Kunden mit den Kochkünsten ihrer Mutter anlockte. 😉

Was mir vor unserer Einkehr noch auffiel, war ein Foto im Eingangsbereich mit „Papa Miracoli“ nebst dem italienischen Schnulzentenor Andrea Bocelli, der hier angeblich Stammkunde ist und das Restaurant unter seine Favoriten zählt. Schon beeindruckend, aber beim Weitergehen fiel mir auf, dass so ziemlich jede Pizzeria ein ähnliches Bild im Eingangsbereich hatte. Einige sogar mit berühmten (aber schmierigen) italienieschen Fußballern und meinem absoluten Lieblings-Mafioso-Politiker Silvio Berlusconi.

Wer Andrea Bocelli kennt, und das sollte ein Großteil tun (ich erinnere an Henry Maskes Abschiedssong „Time to say Goodbye“), der weiss auch, dass der gute Mann blind ist. Meine Vermutung nach „Mama Miracoli“ – der arme Kerl wurde  auf seinen Melbournebesuchen immer wieder in ein anderes Lokal gezerrt bei seinen Besuchen mit der Aussage, es sei das besonders Gute vom letzten Mal, hat man ihm am Eingang gesagt und schon stand der Kameramann bereit. 😉 Und so bekam nach und nach jede Pizzeria sein Bild nebst italienischem Startenor. Der arme Kerl sieht ja nix, wahrscheinlich hätte man ihm auch ne 1,99€-Aldipizza vorhalten können, er hätte es nicht gecheckt…

In Italien ist man halt eine „große Familie“, was man auch an den vielen Luxuskarossen vor den Lokalen sehen konnte – man „hilft“ sich halt gerne und wer nicht nach den Spielregeln spielt, bekommt halt ein paar sizilianische Schuhe spendiert und ist mal schnell auf Unterwasserkurs. 😉 Das scheint hier in Australien nicht anders zu sein. Al Capone macht eben nicht nur Calzone! 😉

Geschmeckt hats trotzdem sehr sehr gut, es war nur recht amüsant – wir sind auch drauf herein gefallen. Die Moral von der Geschicht´: „Italienern traut man nicht!“ 😉

In diesem Sinne, eine schöne Woche und bis die Tage!

Michael

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Eine Antwort to “„My Mom is Running the Kitchen…“”

  1. Is das ne tolle Geschichte…. Ja, verarscht wird man nicht nur in Indien 😀

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